
Schwefel – das unterschätzte Element hinter Glutathion, MSM, Knoblauch und Sulforaphan
Bei Schwefel denken die meisten Menschen zunächst an den Geruch fauler Eier, an Schwefelquellen oder vielleicht noch an MSM, das als Nahrungsergänzung bei Gelenkbeschwerden angeboten wird.
Biochemisch betrachtet ist das Thema sehr viel spannender.
Denn Schwefel steckt ausgerechnet in einigen jener Substanzen, denen wir in der Naturheilkunde und Vitalstoffmedizin immer wieder begegnen: in den Aminosäuren Methionin und Cystein, im Glutathion, in NAC, Taurin und Alpha-Liponsäure. Die charakteristischen Inhaltsstoffe von Knoblauch und Zwiebeln verdanken ihre besonderen Eigenschaften ebenfalls Schwefel. Und selbst Sulforaphan, einer der interessantesten Pflanzenstoffe aus Brokkoli, ist eine Schwefelverbindung.
Hinzu kommen Eisen-Schwefel-Komplexe in den Mitochondrien und schließlich Schwefelwasserstoff, H2S. Ausgerechnet jenes Gas, das wir wegen seines Geruchs nach faulen Eiern als giftig kennen, wird vom menschlichen Organismus selbst gebildet und hat sich inzwischen als biologischer Signalstoff erwiesen.
Das alles ist kein Zufall.
Um zu verstehen, weshalb Schwefel biologisch so interessant ist, müssen wir deshalb nicht zuerst nach einem vermeintlichen „Schwefelmangel“ suchen. Viel spannender ist die Frage:
Was kann Schwefel chemisch, das ihn zum Bestandteil so vieler biologisch hochaktiver Moleküle macht?
Schwefel ist kein gewöhnlicher Mineralstoff
Schwefel gehört zu den grundlegenden Elementen des menschlichen Stoffwechsels. Trotzdem unterscheidet er sich von Mineralstoffen wie Magnesium, Calcium oder Eisen.
Für Schwefel gibt es keine übliche Zufuhrempfehlung nach dem Muster „300 Milligramm täglich“. Der Organismus erhält den größten Teil des benötigten Schwefels über schwefelhaltige Aminosäuren, insbesondere Methionin und Cystein. Zusätzlich nehmen wir mit bestimmten pflanzlichen Lebensmitteln zahlreiche andere organische Schwefelverbindungen auf.
Deshalb halte ich die häufig gestellte Frage „Wie viel Schwefel brauche ich täglich?“ für wenig hilfreich.
Wir müssten vielmehr fragen, ob genügend schwefelhaltige Aminosäuren vorhanden sind, ob die beteiligten Stoffwechselwege funktionieren und welche biologisch aktiven Schwefelverbindungen wir mit unserer Ernährung aufnehmen.
Denn dieser Punkt wird bei dem Thema gerne übersehen:
Schwefel ist nicht gleich Schwefel.
Elementarer Schwefel, MSM, Cystein, Glutathion, Sulforaphan, Allicin, Sulfat und Schwefelwasserstoff enthalten zwar alle Schwefel. Biochemisch handelt es sich dennoch um völlig unterschiedliche Substanzen mit völlig unterschiedlichen Eigenschaften.
Warum Schwefel chemisch so besonders ist
Schwefel besitzt eine Eigenschaft, die ihn für biologische Systeme ausgesprochen interessant macht: Er kann in unterschiedlichen chemischen Bindungs- und Oxidationszuständen auftreten und vergleichsweise leicht an Redoxreaktionen teilnehmen.
Besonders wichtig sind dabei sogenannte Thiolgruppen. Sie werden chemisch als –SH dargestellt und enthalten ein Schwefelatom mit einem Wasserstoffatom. Die Aminosäure Cystein besitzt beispielsweise eine solche Thiolgruppe.
Zwei Cysteinreste können miteinander reagieren und eine Disulfidbindung, also eine S-S-Brücke, ausbilden. Solche Schwefelbrücken helfen dabei, die räumliche Struktur zahlreicher Proteine zu stabilisieren.
Das kennen wir sogar aus dem Alltag: Keratin, der wesentliche Strukturstoff unserer Haare und Nägel, wird unter anderem durch solche Disulfidbindungen stabilisiert. Auch bei der Dauerwelle wird letztlich Schwefelchemie betrieben: Schwefelbrücken werden verändert und anschließend neu geknüpft.
Für die Medizin noch interessanter ist allerdings die Fähigkeit schwefelhaltiger Gruppen, Elektronen aufzunehmen oder abzugeben.
Damit gelangen wir mitten in die Redoxchemie unserer Zellen – und plötzlich begegnet uns Schwefel überall dort, wo oxidativer Stress kontrolliert, Energie erzeugt, Proteine reguliert oder Fremdstoffe verarbeitet werden.
Methionin und Cystein: Hier beginnt der menschliche Schwefelstoffwechsel
Die zwei wichtigsten schwefelhaltigen proteinbildenden Aminosäuren sind Methionin und Cystein.
Methionin ist essenziell. Das bedeutet: Der Mensch muss diese Aminosäure über die Nahrung aufnehmen.
Cystein kann der Körper dagegen unter bestimmten Voraussetzungen selbst herstellen. Dabei wird der Schwefel aus dem Methioninstoffwechsel über den sogenannten Transsulfurierungsweg weitergegeben.
Methionin wird zunächst zu S-Adenosylmethionin, kurz SAM oder SAMe, aktiviert. SAM gehört zu den wichtigsten Überträgern von Methylgruppen im menschlichen Stoffwechsel. Mehr dazu in meinem Grundsatzbeitrag: S-Adenosylmethionin (SAM-e) – Was ist es? Was bringt es?
Aus diesem Stoffwechselweg entsteht Homocystein. Dieses kann entweder wieder zu Methionin zurückgeführt oder über mehrere Schritte in Richtung Cystein weiterverarbeitet werden.
Damit treffen zwei große Stoffwechselbereiche aufeinander:
- der Methylierungsstoffwechsel und
- der Schwefel- beziehungsweise Glutathionstoffwechsel.
Für diese Reaktionen benötigt der Organismus wiederum verschiedene Vitamine und Cofaktoren. Folsäure und Vitamin B12 spielen beispielsweise bei der Rückumwandlung von Homocystein zu Methionin eine wichtige Rolle. Vitamin B6 wird unter anderem für die Weiterverarbeitung in Richtung Cystein benötigt.
Bereits hier sieht man, weshalb einfache Aussagen wie „Homocystein ist schlecht“ oder „Schwefel ist gut“ der Biochemie kaum gerecht werden.
Entscheidend sind Stoffwechselwege, Cofaktoren und Gleichgewichte.
Glutathion: Ohne Schwefel funktioniert eines unserer wichtigsten Schutzsysteme nicht
Besonders deutlich wird die Bedeutung des Schwefels beim Glutathion.
Glutathion besteht aus drei Aminosäuren:
- Glutamat,
- Cystein und
- Glycin.
Die entscheidende reaktionsfähige Stelle sitzt am Schwefelatom des Cysteins.
Über diese Thiolgruppe kann Glutathion an zahlreichen Redoxreaktionen teilnehmen. Es unterstützt die Zelle dabei, ein funktionierendes Redoxmilieu aufrechtzuerhalten, dient verschiedenen Enzymsystemen als Reaktionspartner und ist an der Verarbeitung von Peroxiden und anderen reaktiven Stoffen beteiligt.
Glutathion spielt außerdem bei sogenannten Phase-II-Reaktionen in der Leber eine Rolle. Dabei werden bestimmte Fremdstoffe und Stoffwechselprodukte chemisch verändert, damit der Organismus sie weiterverarbeiten und schließlich ausscheiden kann.
Umgangssprachlich wird das gerne als „Entgiftung“ bezeichnet. Der Begriff ist praktisch, aber biochemisch natürlich eine starke Vereinfachung.
Interessant ist vor allem die Herstellung von Glutathion. Zwar werden alle drei genannten Aminosäuren benötigt, doch insbesondere die Verfügbarkeit von Cystein kann dabei zum begrenzenden Faktor werden.
Und damit verstehen wir sofort, weshalb eine weitere schwefelhaltige Verbindung medizinisch so interessant ist.
NAC: Schwefel als ganz normales Arzneimittel
N-Acetylcystein, kurz NAC, ist eine chemisch veränderte Form des Cysteins und dient dem Körper unter anderem als Cysteinquelle.
NAC ist keineswegs nur irgendein Nahrungsergänzungsmittel aus der alternativen Szene. Es wird seit Jahrzehnten auch in der konventionellen Medizin als Arzneimittel eingesetzt.
Viele Menschen kennen Acetylcystein als Schleimlöser. Wesentlich eindrucksvoller ist allerdings sein Einsatz bei einer Paracetamol-Vergiftung.
Eine hohe Paracetamoldosis kann die Glutathionreserven der Leber erschöpfen. Dadurch kann ein hochreaktives Stoffwechselprodukt des Paracetamols nicht mehr ausreichend neutralisiert werden und schwere Leberschäden verursachen.
NAC liefert Cystein für die Glutathionsynthese und gehört deshalb bei einer entsprechenden Vergiftung zur etablierten medizinischen Behandlung.
Ich finde dieses Beispiel besonders lehrreich.
Denn hier geht es nicht um irgendeine theoretische Behauptung über „Schwefel und Entgiftung“. Hier lässt sich der Zusammenhang zwischen Cystein, Glutathion und Leberstoffwechsel unmittelbar biochemisch nachvollziehen.
Mehr zu den weiteren Einsatzmöglichkeiten habe ich in meinem ausführlichen Beitrag über N-Acetylcystein und NAC beschrieben.
MSM: Der bekannteste „organische Schwefel“
Wer sich mit Vitalstoffen und Naturheilkunde beschäftigt, begegnet früher oder später MSM – Methylsulfonylmethan.
MSM ist eine kleine organische Schwefelverbindung. Angeboten wird sie vor allem bei Gelenkbeschwerden, Arthrose, Schmerzen und entzündlichen Beschwerden.
In manchen Veröffentlichungen wird daraus beinahe ein Universalheilmittel für Gelenke, Haut, Allergien, Entzündungen, Darm und „Entgiftung“.
So weit würde ich nicht gehen.
Es existieren allerdings klinische Untersuchungen, insbesondere bei Kniearthrose. In mehreren kleineren randomisierten Studien wurden Verbesserungen bei Schmerzen und funktionellen Beschwerden beobachtet.
Die Studien sind nicht groß genug und auch nicht einheitlich genug, um MSM zum gesicherten Arthrosemittel zu erklären. Aber die Daten sind interessant genug, dass ich MSM auch nicht einfach als wirkungsloses Nahrungsergänzungsmittel abtun würde.
Das entspricht ziemlich genau meiner Erfahrung aus der Praxis: Bei einigen Patienten ist MSM erstaunlich hilfreich, bei anderen merkt man vergleichsweise wenig.
Mehr über Dosierungen, Studien und Anwendungsmöglichkeiten finden Sie in meinem ausführlichen Beitrag: MSM – organischer Schwefel und seine Wirkung.
Wichtig ist mir an dieser Stelle aber eine Unterscheidung:
MSM ist nicht Cystein. MSM ist nicht Glutathion. MSM ist nicht Sulforaphan. Und MSM ist auch nicht elementarer Schwefel.
Dass all diese Stoffe Schwefel enthalten, macht sie nicht austauschbar.
Gerade bei Vitalstoffen begegnet mir immer wieder dasselbe Problem: Eine interessante Substanz wird entdeckt – und schon entstehen daraus zwanzig Versprechen, obwohl vielleicht drei davon wirklich vernünftig belegt sind. Genau deshalb beschäftige ich mich in meinem Vitalstoff-Newsletter regelmäßig damit, welche Mittel ich tatsächlich interessant finde und wo die Werbung der Datenlage davonläuft.
Wenn Sie solche Informationen interessieren, können Sie hier meinen kostenlosen Praxis-Newsletter mit den „5 Wundermitteln“ anfordern:
Kleine Anmerkung: Die Sache mit den „5 Wundermitteln“ ist mit Abstand einer der beliebtesten Newsletter, die meine Patienten und Leser anfordern.
Alpha-Liponsäure: Schwefel mitten in den Mitochondrien
Eine weitere ausgesprochen interessante Schwefelverbindung ist die Alpha-Liponsäure.
Viele kennen sie lediglich als Antioxidans. Das greift jedoch zu kurz.
Liponsäure ist ein Cofaktor mehrerer mitochondrialer Enzymkomplexe und damit unmittelbar am Energiestoffwechsel beteiligt.
Besonders wichtig ist sie beispielsweise beim Pyruvat-Dehydrogenase-Komplex. Dieser verbindet die Glykolyse mit dem Citratzyklus, indem Pyruvat letztlich in Acetyl-CoA überführt wird.
Die Alpha-Liponsäure besitzt zwei Schwefelatome, die zwischen einer oxidierten Disulfidform und einer reduzierten Dithiolform wechseln können.
Genau diese Eigenschaft macht sie redoxchemisch so interessant.
Auch hier sehen wir wieder dasselbe Prinzip: Der Schwefel ist nicht irgendein nebensächlicher Bestandteil des Moleküls. Seine chemische Reaktionsfähigkeit gehört unmittelbar zur Funktion dieser Substanz.
Wer sich näher damit beschäftigen möchte, findet meinen ausführlichen Grundsatzbeitrag hier: Alpha-Liponsäure – Wirkung, Studien und Anwendung.
Taurin: Noch eine wichtige Schwefelverbindung
Auch Taurin gehört in diese Reihe.
Streng genommen handelt es sich nicht um eine klassische Aminosäure, sondern um eine Aminosulfonsäure.
Taurin wird nicht wie Methionin oder Cystein in Proteine eingebaut, besitzt aber zahlreiche andere physiologische Aufgaben.
Es ist unter anderem beteiligt an:
- der Bildung beziehungsweise Konjugation von Gallensäuren,
- der Osmoregulation von Zellen,
- der Stabilisierung von Zellmembranen,
- der Calciumregulation,
- Funktionen des Nervensystems und
- mitochondrialen Prozessen.
Der Organismus kann Taurin aus schwefelhaltigen Vorstufen wie Cystein bilden.
Auch hier landet also Schwefel wieder an einer biologisch ausgesprochen interessanten Stelle.
Mehr zu Taurin, Studien und meinen Erfahrungen damit habe ich hier zusammengestellt: Taurin – Wirkung und Anwendung.
Eisen-Schwefel-Cluster: Schwefel an den Schaltstellen der Energiegewinnung
Zu den faszinierendsten Schwefelstrukturen im menschlichen Organismus gehören die sogenannten Eisen-Schwefel-Cluster.
Dabei verbinden sich Eisen- und Schwefelatome zu kleinen molekularen Strukturen, die anschließend in Proteine eingebaut werden.
Einige dieser Eisen-Schwefel-Proteine sitzen mitten in der mitochondrialen Atmungskette.
Dort helfen sie beim Elektronentransport, der letztlich dazu dient, aus unserer Nahrung ATP zu erzeugen – jene Energiewährung, ohne die praktisch keine Zelle funktionieren könnte.
Andere Eisen-Schwefel-Proteine sind an der DNA-Synthese, DNA-Reparatur, Genregulation und verschiedenen enzymatischen Reaktionen beteiligt.
Wenn Schwefel lediglich als „Mineralstoff für Haare, Haut und Gelenke“ dargestellt wird, bleibt also ein erheblicher Teil seiner eigentlichen biologischen Bedeutung unsichtbar.
Schwefel sitzt an einigen fundamentalen Schaltstellen unseres Zellstoffwechsels.
Knoblauch: Wenn Schwefel nicht nur riecht, sondern wirkt
Jetzt kommen wir zu einer Pflanze, bei der jeder Mensch Schwefel unmittelbar wahrnehmen kann: Knoblauch.
Der typische Geruch entsteht durch schwefelhaltige Verbindungen. Besonders interessant ist dabei eine Reaktionskette, die erst beginnt, wenn die Knoblauchzehe verletzt, geschnitten oder zerdrückt wird.
In der intakten Zehe befindet sich unter anderem Alliin. Wird die Zellstruktur zerstört, kommt Alliin mit dem Enzym Alliinase in Kontakt.
Daraus entsteht unter anderem Allicin.
Allicin wiederum ist relativ instabil und kann sich in verschiedene weitere Organoschwefelverbindungen umwandeln. Dazu zählen beispielsweise:
- Diallyldisulfid,
- Diallyltrisulfid,
- Ajoen und
- weitere schwefelhaltige Verbindungen.
Bei gereiftem Knoblauchextrakt spielen dagegen andere, stabilere Schwefelverbindungen wie S-Allylcystein eine größere Rolle.
Das erklärt auch, weshalb „Knoblauch“ in Studien keineswegs automatisch dasselbe bedeutet.
Frisch zerdrückter Knoblauch, Knoblauchpulver, Knoblauchöl und gereifter Knoblauchextrakt können deutlich unterschiedliche Inhaltsstoffprofile besitzen.
Zu Knoblauch gibt es inzwischen eine bemerkenswert große Zahl klinischer Untersuchungen, unter anderem zu Blutdruck und Blutfetten. Die Effekte sind keine Wunderwirkungen, aber in Metaanalysen durchaus messbar.
Ein wesentlicher Teil der pharmakologisch interessanten Inhaltsstoffe des Knoblauchs gehört zu den Organoschwefelverbindungen.
Genau deshalb gehört Knoblauch für mich unbedingt in einen Beitrag über Schwefel.
Ausführlicher habe ich die Studien zum Knoblauch als Heilpflanze hier besprochen.
Und wer meinen praktischen Klassiker noch nicht kennt: Hier finden Sie auch meine Knoblauch-Zitronen-Kur, die ich bereits seit vielen Jahren beschreibe und selbst angewendet habe.
Sulforaphan: Schwefel aktiviert körpereigene Schutzsysteme
Noch spannender wird es beim Sulforaphan.
Sulforaphan gehört zu den Isothiocyanaten. Es entsteht aus dem Glucosinolat Glucoraphanin, das insbesondere in Brokkoli und in teilweise besonders hoher Konzentration in jungen Brokkolisprossen vorkommt.
Auch hier ist das Ausgangsmaterial allein noch nicht alles.
Damit aus Glucoraphanin Sulforaphan entstehen kann, wird unter anderem das Enzym Myrosinase benötigt.
Wird Brokkoli geschnitten oder gekaut, kommen Enzym und Ausgangssubstanz miteinander in Kontakt. Kocht man das Gemüse dagegen sehr stark, kann ein Teil der pflanzlichen Myrosinase inaktiviert werden.
Auch Darmbakterien können an der Umwandlung beteiligt sein. Deshalb hängt die tatsächlich verfügbare Sulforaphanmenge von deutlich mehr ab als nur von der Menge Brokkoli auf dem Teller.
Besonders interessant ist der Einfluss von Sulforaphan auf das sogenannte KEAP1-NRF2-System.
NRF2 ist ein Transkriptionsfaktor, über den die Zelle eine ganze Reihe eigener Schutzsysteme hochregulieren kann. Dazu gehören Enzyme, die am Umgang mit oxidativem und elektrophilem Stress beteiligt sind.
Sulforaphan reagiert unter anderem mit bestimmten Cysteinresten des Proteins KEAP1. Dadurch kann NRF2 stärker aktiv werden und die Expression verschiedener Schutzgene verändern.
Ich finde diesen Mechanismus bemerkenswert, weil er einen grundsätzlichen Unterschied zeigt.
Sulforaphan ist nicht einfach nur ein weiteres „Antioxidans“, das wie ein kleiner chemischer Schwamm freie Radikale einsammelt.
Es beeinflusst vielmehr die körpereigene Antwort auf Belastungen.
Das erklärt auch, weshalb Brokkoli und Brokkolisprossen in den vergangenen Jahren in der Forschung so viel Aufmerksamkeit erhalten haben.
Gleichzeitig sollte man aus beeindruckenden Zellmechanismen nicht vorschnell klinische Heilversprechen ableiten. Zu Sulforaphan laufen und liefen zahlreiche Humanstudien, die Ergebnisse hängen jedoch stark von Präparat, Myrosinase-Aktivität, Bioverfügbarkeit, Dosierung und untersuchter Erkrankung ab.
Schwefelwasserstoff: Vom Giftgas zum körpereigenen Signalstoff
Damit kommen wir zu einer Entwicklung in der Schwefelforschung, die ich besonders faszinierend finde.
Schwefelwasserstoff, H2S, kennt man eigentlich als giftiges Gas mit dem charakteristischen Geruch fauler Eier.
Mittlerweile wissen wir allerdings, dass der menschliche Organismus Schwefelwasserstoff selbst bildet.
H2S wird heute zusammen mit Stickstoffmonoxid und Kohlenmonoxid zu den sogenannten Gasotransmittern gerechnet. Darunter versteht man gasförmige Moleküle, die innerhalb des Organismus Signal- und Regulationsfunktionen übernehmen.
Schwefelwasserstoff entsteht unter anderem im Stoffwechsel schwefelhaltiger Aminosäuren.
Zusätzlich können verschiedene Darmbakterien aus schwefelhaltigen Substanzen H2S bilden.
Und damit wird die Sache für die Darmmedizin ausgesprochen interessant.
Schwefel, Darmflora und Darmbarriere
Schwefelwasserstoff wird im Darm gerne ausschließlich als problematisches bakterielles Stoffwechselprodukt dargestellt.
So einfach ist es nicht.
In niedrigen beziehungsweise physiologischen Konzentrationen kann H2S an der Regulation von Schleimhautdurchblutung, Schleimproduktion, Zellschutz und Reparaturvorgängen beteiligt sein.
Die Zellen des Dickdarms besitzen sogar mitochondriale Enzymsysteme, über die Schwefelwasserstoff weiterverarbeitet und oxidiert werden kann.
Das Problem beginnt offenbar dann, wenn Produktion und Verarbeitung aus dem Gleichgewicht geraten.
Steigt die H2S-Konzentration zu stark an, kann Schwefelwasserstoff unter anderem mitochondriale Enzyme hemmen und den Energiestoffwechsel der Darmzellen beeinflussen.
Besonders interessant ist dabei das Zusammenspiel mit Butyrat.
Butyrat, die Buttersäure, gehört zu den wichtigsten Energiequellen der Dickdarmzellen und entsteht durch bakterielle Fermentation von Ballaststoffen. Eine gestörte H2S-Verarbeitung kann offenbar mit diesem Stoffwechsel konkurrieren beziehungsweise ihn beeinträchtigen.
Damit landen wir bei einem Prinzip, das für den gesamten Schwefelstoffwechsel gilt:
Die Dosis, die chemische Verbindung, der Ort und der Stoffwechselzustand entscheiden.
Und was ist mit elementarem Schwefel?
An diesem Punkt wird es besonders interessant.
Denn elementarer Schwefel – beispielsweise Schwefelpulver – ist etwas völlig anderes als MSM, Cystein, NAC, Glutathion, Allicin oder Sulforaphan.
Auch Sulfat, Sulfit, Sulfid und Schwefelwasserstoff sind chemisch voneinander zu unterscheiden.
Das klingt zunächst nach Chemieunterricht, ist therapeutisch aber entscheidend.
Aus der Tatsache, dass Glutathion Schwefel enthält, folgt beispielsweise nicht, dass die Einnahme von Schwefelpulver automatisch die Glutathionsynthese verbessert.
Und aus der Tatsache, dass die Schwefelverbindungen des Knoblauchs oder Sulforaphan interessante Wirkungen besitzen, lässt sich ebenfalls keine allgemeine Heilwirkung von elementarem Schwefel ableiten.
Elementarer Schwefel kann allerdings mit dem Darmmikrobiom und dessen Schwefelstoffwechsel in Kontakt kommen.
Genau an diesem Punkt wird die Sache mit der sogenannten Schwefelkur interessant, wie sie unter anderem von Dr. Probst bekannt gemacht wurde.
Probst verbindet elementaren Schwefel unter anderem mit Effekten auf Darmmilieu und Darmbarriere und spricht dabei auch vom sogenannten „Leaky Gut“.
Ich halte den zugrunde liegenden Gedanken inzwischen für biochemisch interessanter, als es auf den ersten Blick wirken könnte.
Nur müssen wir zwei Dinge auseinanderhalten:
Es gibt inzwischen spannende Forschung über Schwefelstoffwechsel, Darmbakterien, Schwefelwasserstoff und Darmbarriere.
Das ist jedoch noch kein klinischer Beweis dafür, dass die orale Einnahme von elementarem Schwefel einen „Leaky Gut“ heilen kann.
Genau diese Frage werde ich deshalb noch einmal gesondert untersuchen. Denn sie verdient mehr als ein paar Sätze innerhalb eines allgemeinen Schwefelartikels.
Gibt es überhaupt einen Schwefelmangel?
Im Internet findet man inzwischen lange Listen vermeintlicher Schwefelmangelsymptome:
- Gelenkschmerzen,
- Müdigkeit,
- Hautprobleme,
- brüchige Nägel,
- schlechtes Haar,
- Verdauungsbeschwerden,
- Entgiftungsprobleme und vieles mehr.
Hier wäre ich ausgesprochen vorsichtig.
Einen klar definierten isolierten „Schwefelmangel“ mit einem etablierten Laborwert und einem eindeutigen Krankheitsbild kennen wir in dieser Form nicht.
Der Mensch benötigt selbstverständlich Schwefel. Den größten Anteil erhält er jedoch über schwefelhaltige Aminosäuren und weitere Nahrungsbestandteile.
Bei ausreichender Proteinversorgung ist ein klassischer Schwefelmangel deshalb etwas völlig anderes als beispielsweise ein Eisen-, Vitamin-B12- oder Magnesiummangel.
Das bedeutet allerdings nicht, dass alle mit Schwefel zusammenhängenden Stoffwechselwege automatisch optimal funktionieren.
Eine unzureichende Eiweißzufuhr, Probleme innerhalb des Methionin-Homocystein-Cystein-Stoffwechsels, bestimmte Vitaminmängel, erhöhter oxidativer Stress oder eine gestörte Glutathionsynthese können sehr wohl relevant sein.
Nur sollte man daraus nicht vorschnell die Diagnose „Schwefelmangel“ machen und anschließend irgendein Schwefelpräparat einnehmen.
Welche Lebensmittel liefern interessante Schwefelverbindungen?
Bei der Ernährung gibt es grob zwei wichtige Schwefelquellen.
1. Schwefelhaltige Aminosäuren
Proteinreiche Lebensmittel liefern Methionin und Cystein. Dazu gehören beispielsweise:
- Eier,
- Fisch,
- Fleisch,
- Milchprodukte,
- Hülsenfrüchte,
- Nüsse und
- Samen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass eine besonders methioninreiche Ernährung automatisch besser wäre. Auch hier kommt es auf die gesamte Stoffwechselsituation und eine ausgewogene Aminosäurezufuhr an.
2. Pflanzen mit besonderen Organoschwefelverbindungen
Für mich besonders interessant sind zwei Pflanzenfamilien.
Zum einen die Lauchgewächse:
- Knoblauch,
- Zwiebeln,
- Lauch,
- Schnittlauch und
- verwandte Arten.
Zum anderen die Kreuzblütler:
- Brokkoli,
- Brokkolisprossen,
- Rosenkohl,
- Blumenkohl,
- Weißkohl,
- Rotkohl,
- Grünkohl,
- Rucola,
- Rettich und
- Senf.
Gerade bei diesen Pflanzen ist Schwefel nicht nur irgendein Nahrungsbestandteil. Er befindet sich in sekundären Pflanzenstoffen, die mit biologischen Signalwegen interagieren können.
Deshalb halte ich es für wesentlich sinnvoller, solche Lebensmittel regelmäßig in die Ernährung einzubauen, als lediglich zu versuchen, möglichst viele Milligramm „Schwefel“ aufzunehmen.
Knoblauch, Zwiebeln, Brokkoli oder Kohl sind ein schönes Beispiel dafür, warum ich Lebensmittel nicht nur nach Kalorien, Eiweiß, Fett und Kohlenhydraten beurteile. Oft sind gerade die sekundären Pflanzenstoffe das eigentlich Interessante. Wenn Sie solche Zusammenhänge spannend finden, können Sie hier meinen kostenlosen Ernährungs-Newsletter anfordern:
Kann man Schwefelverbindungen einfach miteinander austauschen?
Nein. Und genau das ist für mich eine der wichtigsten Aussagen dieses gesamten Beitrags.
Dass zwei Substanzen Schwefel enthalten, bedeutet noch lange nicht, dass sie dieselbe Wirkung besitzen.
Ein einfaches Beispiel:
NAC enthält Schwefel und kann Cystein für die Glutathionsynthese bereitstellen.
Sulforaphan enthält ebenfalls Schwefel, wirkt aber unter anderem über die Reaktion seiner Isothiocyanatgruppe mit regulatorischen Proteinen.
Alpha-Liponsäure enthält zwei Schwefelatome und erfüllt wiederum Aufgaben innerhalb mitochondrialer Enzymkomplexe.
MSM besitzt erneut eine völlig andere chemische Struktur.
Und elementarer Schwefel ist noch einmal etwas anderes.
Deshalb halte ich Werbeaussagen nach dem Muster „Der Körper benötigt Schwefel, deshalb sollten Sie dieses Schwefelpräparat nehmen“ für wissenschaftlich wenig überzeugend.
Die interessante Frage lautet immer: Welche Schwefelverbindung? In welcher Dosierung? Für welchen Zweck?
Was ist therapeutisch tatsächlich interessant?
Aus meiner Sicht lassen sich derzeit mehrere Bereiche unterscheiden.
Glutathion, Cystein und NAC
Hier haben wir einen sehr gut verstandenen biochemischen Zusammenhang. Besonders NAC ist interessant, weil seine Rolle als Cysteinquelle und Glutathionvorstufe auch medizinisch genutzt wird.
MSM
MSM ist insbesondere bei Beschwerden des Bewegungsapparates interessant. Die klinische Datenlage ist vorhanden, aber nicht so stark, dass daraus ein Universalheilmittel gemacht werden sollte.
Alpha-Liponsäure
Sie gehört für mich zu den interessanteren Substanzen der Vitalstoffmedizin, insbesondere aufgrund ihrer mitochondrialen und redoxchemischen Funktionen. Mehr dazu finden Sie in meinem ausführlichen Beitrag über Alpha-Liponsäure.
Taurin
Taurin ist weit mehr als der bekannte Zusatz aus Energydrinks. Herz, Nervensystem, Gallensäuren, Zellvolumen und Mitochondrien gehören zu den Bereichen, in denen die Substanz physiologisch eine Rolle spielt.
Knoblauch und Zwiebelgewächse
Hier haben wir ein ganzes Spektrum bioaktiver Organoschwefelverbindungen. Gerade Knoblauch gehört für mich zu den interessantesten Beispielen dafür, wie eine traditionelle Heilpflanze zunehmend biochemisch verständlich wird.
Brokkoli und Sulforaphan
Das Sulforaphan-NRF2-System ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie sekundäre Pflanzenstoffe körpereigene Regulationssysteme beeinflussen können.
Elementarer Schwefel
Hier ist die Situation eine andere. Die Darmbiochemie liefert interessante Ansatzpunkte, aber die großen therapeutischen Aussagen sind wesentlich weniger gut klinisch abgesichert.
Genau deshalb werde ich die Schwefelkur nach Dr. Probst in einem eigenen Beitrag genauer unter die Lupe nehmen.
Vorsicht: „Natürlich“ bedeutet auch bei Schwefelverbindungen nicht automatisch harmlos
Auch bei diesem Thema gilt: Eine biologisch aktive Substanz kann erwünschte und unerwünschte Wirkungen haben.
Besonders deutlich wird das beim Knoblauch. Konzentrierte Knoblauchpräparate und größere therapeutische Mengen können die Thrombozytenfunktion beeinflussen. Wer Gerinnungshemmer beziehungsweise Medikamente wie Warfarin, Phenprocoumon, Apixaban, Rivaroxaban, Clopidogrel oder ASS einnimmt, sollte deshalb hoch dosierte Knoblauchpräparate oder eine intensive Knoblauchkur nicht einfach zusätzlich beginnen.
Auch Alpha-Liponsäure, NAC, MSM und andere Präparate können je nach Dosierung, Erkrankung und Medikation unerwünschte Wirkungen oder Wechselwirkungen haben.
Bei Nahrungsergänzungsmitteln gilt deshalb dasselbe wie bei Arzneimitteln: Nicht möglichst viel ist das Ziel, sondern eine nachvollziehbare Anwendung.
Mehr zu meiner grundsätzlichen Sicht auf Nahrungsergänzungsmittel finden Sie auch in meinem Beitrag Nahrungsergänzungsmittel – Fakten, Mythen und was wirklich wirkt.
Mein Fazit: Schwefel ist vor allem deshalb faszinierend, weil er überall anders wirkt
Schwefel gehört für mich zu den am meisten unterschätzten Elementen der menschlichen Biochemie. Interessant wird Schwefel vor allem auch dann, wenn wir seine unterschiedlichen Verbindungen betrachten.
- Ohne schwefelhaltige Aminosäuren könnten zahlreiche Proteine und Stoffwechselwege nicht funktionieren.
- Ohne Cystein gäbe es kein normales Glutathionsystem.
- NAC zeigt sogar in der etablierten Medizin, wie wichtig dieser Zusammenhang werden kann.
- Alpha-Liponsäure bringt Schwefelchemie mitten in den mitochondrialen Energiestoffwechsel.
- Eisen-Schwefel-Cluster sitzen an entscheidenden Stellen der Atmungskette.
- Taurin ist ein weiteres Produkt des Schwefelstoffwechsels mit zahlreichen physiologischen Aufgaben.
- Beim Knoblauch gehören gerade die Organoschwefelverbindungen zu den interessantesten Inhaltsstoffen.
- Beim Sulforaphan ermöglicht eine schwefelhaltige chemische Gruppe die Interaktion mit einem der wichtigsten zellulären Schutzsysteme.
Und selbst der gute Schwefelwasserstoff (=Stinkbomben), hat sich vom vermeintlichen reinen Gift- und Abfallstoff zu einem Molekül entwickelt, dessen Funktionen bezüglich Gefäßen, Mitochondrien und Darm heute intensiver untersucht werden.
Damit ergibt sich für mich eine wesentlich spannendere Sicht auf das Thema als die einfache Frage, ob wir „mehr Schwefel“ brauchen.
Entscheidend ist nicht, wie viel Schwefel eine Substanz enthält. Entscheidend ist, in welcher chemischen Form der Schwefel vorliegt, wo die Verbindung im Organismus auftaucht und was der Stoffwechsel daraus macht.
Und genau deshalb sind MSM, Glutathion, NAC, Alpha-Liponsäure, Taurin, Knoblauch, Sulforaphan und elementarer Schwefel trotz ihres gemeinsamen Elements eben keine Varianten desselben Mittels.
Sie zeigen vielmehr, wie erstaunlich vielseitig Schwefel in unserer Biochemie eingesetzt wird.
Weiterführende Beiträge
- Glutathion: Zellschutz, Entgiftung und was die Studien wirklich zeigen
- MSM: Organischer Schwefel mit heilender Wirkung?
- Alpha-Liponsäure: Wirkung, Studien und Anwendung
- Taurin: Wirkung auf Nervensystem, Herz und Stoffwechsel
- Acetylcystein (NAC): Das unterschätzte Mittel für Lunge, Leber und Glutathion
- Knoblauch: Wirkung und Studien
- Die Knoblauch-Zitronen-Kur
Quellen die ich mir angsehen habe
- Nimni ME, Han B, Cordoba F: Are we getting enough sulfur in our diet? Nutrition & Metabolism, 2007.
- Atmaca G: Antioxidant effects of sulfur-containing amino acids. Yonsei Medical Journal, 2004.
- Samuni Y et al.: The chemistry and biological activities of N-acetylcysteine. Biochimica et Biophysica Acta, 2013.
- Kim LS et al.: Efficacy of methylsulfonylmethane (MSM) in osteoarthritis pain of the knee. Osteoarthritis and Cartilage, 2006.
- Lawson LD, Gardner CD: Composition, stability and bioavailability of garlic products and their organosulfur compounds.
- Dinkova-Kostova AT et al.: Sulforaphane and activation of the NRF2 cytoprotective response.
- Wallace JL, Wang R: Hydrogen sulfide-based therapeutics and gastrointestinal physiology.
