Cholin – Wirkung, Anwendung und Studien
Cholin ist ein wasserlöslicher, essentieller Nährstoff, der Bestandteil vieler Nahrungsmittel
ist.(1) Entdeckt wurde es 1864 vom deutschen Chemiker Adolph Friedrich Ludwig Strecker und bereits
zwei Jahre später konnte es synthetisch hergestellt werden.
Oft wird der Nährstoff zur Gruppe der B-Vitamine gezählt. Seit 1998 wird Cholin offiziell vom amerikanischen „Institute of
Medicine“ der United States National Academy of Sciences als essentieller Nährstoff gelistet.
Für Erwachsene empfiehlt das Institut eine tägliche Aufnahme von 550 Milligramm für Männer und stillende Frauen
und 425 Milligramm für Frauen. In der Schwangerschaft ist der Bedarf mit 450 mg täglich leicht
erhöht.(2) Die Werte sind jedoch lediglich Richtwerte, die eine Schätzung aufgrund der Cholinzufuhr aus
der Nahrung bei gesunden Erwachsenen darstellt. Das Institut befand die Sachlage für die sonst übliche Angabe einer
empfohlenen Tagesdosis als unzureichend.
Die Rolle von Cholin im Körper ist sehr komplex und Cholin kann zu vielen anderen Verbindungen verstoffwechselt
werden. Zudem kann es in der Leber durch ein Enzym aus Phosphatidylethanolamin hergestellt
werden.(3)

Einige Beispiele für die Rolle von Cholin im Stoffwechsel des Körpers sind:
- Cholin erhält Acetyl-Rest -> Acetylcholin, ein wichtiger Neurotransmitter
- Acetylcholin ->Hydrolyse-> Essigsäure + Cholin
- Cholin wird phosphoryliert -> o-Phosphocholin, Ausgangsstoff für Phospholipide wie Phosphatidylcholin,
Bestandteil von Zellmembranen und wichtig für Signalweiterleitung an Membranen
- Cholin wird verestert -> langlebige Agonisten von Acetylcholin-Rezeptoren entstehen
- Über Lipoproteine ist Cholin zudem am Lipidtransport beteiligt.(4)
- Cholin wird oxidiert -> Betain, wichtig für den Methyl-Metabolismus (Homocystein-Reduktion).
Methylisierungen spielen eine wichtige Rolle im Fettstoffwechsel und anderen metabolischen Reaktionen sowie der
Entgiftung.(5)
Für eine ausreichende Versorgung mit Cholin muss der Stoff mit der Nahrung aufgenommen werden. Der größte Teil
des mit der Nahrung aufgenommenen Cholins wird im Körper zu Phosphatidylcholin, auch als Lecithin bekannt,
umgewandelt, das in allen Zellen mit Zellkern vorkommt und mit über 50 Prozent den Hauptbestandteil von
Biomembranen bildet.
Kommt es zur Unterversorgung wird Cholin aus Lunge, Nieren und Verdauungsorganen in der Leber recycelt und Hirn
und Leber zugeführt.(6) Diese Reaktion des Körpers auf eine Unterversorgung mit Cholin zeigt, dass
der Nährstoff vor allem für die gesunde Funktion von Leber und Gehirn benötigt wird.
Cholinreiche Nahrungsmittel sind nach Angaben der Universität von North Carolina nach Untersuchung von 145
Lebensmitteln (7) folgende:
(Cholin-Konzentration in Milligramm pro 100 Gramm Lebensmittel)
| Eigelb |
680 |
| Rinderleber |
418 |
| Hähnchenleber |
290 |
| Eier |
251 |
| Weizenkeime |
152 |
| Schinkenspeck |
125 |
| Getrocknete Sojabohnen |
116
|
| Schweinefleisch |
103 |
Daneben sind auch Kabeljau, Hähnchenfleisch, Milch, Sojalecithin, Blumenkohl, Spinat, Tofu, Amaranth,
Kidney-Bohnen und Quinoa gute Quellen für Cholin. Mit einer ausgewogenen Ernährung kann man daher ausreichend
Cholin zu sich nehmen, selbst wenn man sich vegan ernährt. Mit einer cholinarmen Ernährung reduziert sich dagegen
laut einigen Studien die Konzentration von Cholin im Blut um rund 30 Prozent.(8)
Lange war umstritten, ob es sich bei Cholin um einen essentiellen Nährstoff handelt, da Cholin in der Leber
synthetisiert werden kann und lange keine Mangelerscheinungen von Cholin bekannt waren, da es in vielen
Nahrungsmitteln enthalten ist. Inzwischen liegen einige Studien vor, die die Folgen eines niedrigen Cholin-Levels
untersucht haben.
Ein zu niedriger Cholin-Level in der Schwangerschaft kann zu einem erhöhten Level an Homocystein führen und
damit zu Frühgeburt, niedrigem Geburtsgewicht oder Präeklampsie
(Schwangerschafts-intoxikation).(1)
Zudem steigt das Risiko für Neuralrohrdefekte.(10) Ein erhöhter Level an Homocystein kann
außerdem das Risiko für Herz- und Gefäßkrankheiten steigern.(11) Als gesunde Männer im Rahmen einer
Studie 2,6 Gramm Cholin täglich einnahmen, konnte ihr Level an Homocystein im Blut nachweislich gesenkt
werden.(12)
In einer großangelegten Studie mit über 14.000 Teilnehmern zeigte sich jedoch kein Zusammenhang zwischen der
Cholinaufnahme und dem Risiko für Herz- und Gefäßerkrankungen.(13) Die Massenstudie brachte zudem
ans Licht, dass die tatsächliche, durchschnittliche Cholinaufnahme unter den Werten des Institute of Medicine
liegt.
Dabei ist eine ausreichende Zufuhr von Cholin wichtig, damit sich beim Fötus die Nerven entwickeln können. Cholin
wird von der Mutter aktiv an den Fötus und später über die Muttermilch an den Säugling weitergegeben. Dabei kann
der Level an Cholin bei der Mutter deutlich absinken.(9)
Ein Mangel an Cholin in der Schwangerschaft kann die Entwicklung des Gedächtnisses negativ beeinflussen. Bei
Ratten kann mit einer Cholin-Gabe während der Trächtigkeit die Gedächtnisleistung der Nachkommen ein Leben lang
erhöht werden.(14)
Bei erwachsenen Mäusen erhöht die Gabe von Cholin die Gedächtnisleistung sowie die Anzahl der Dendritenfortsätze
der Nervenzellen.(15)
In einer Untersuchung von über 800 Frauen mit Neugeborenen zeigte sich, dass bei Frauen, die während der
Schwangerschaft hohe Mengen an Cholin und Betain zu sich nahmen, das Risiko eines neuralen Schadens
(Neuralrohrdefekt) des Kindes um 72 Prozent niedriger ist. (16) Eine Studie mit circa 500 Müttern
aus dem Jahr 2009 zeigte, dass die Frauen mit den niedrigsten Blutwerten an Cholin ein um den Faktor 2,4 erhöhtes
Risiko hatten, ein Kind mit Neuralrohrdefekt auf die Welt zu bringen.(17)
Auch im Alter ist die ausreichende Versorgung mit Cholin wichtig für die Gesundheit. In einer Studie mit 57
Teilnehmern zeigte sich, dass eine bewusst herbeigeführte, mangelhafte Versorgung mit Cholin bei 77 Prozent der
Männer und 80 Prozent der Frauen nach der Menopause Muskel- und Leberschäden hervorruft.
Bei den Frauen vor der Menopause zeigten noch 44 Prozent der Teilnehmerinnen solche Symptome. Alle Symptome
verschwanden wieder, als die Teilnehmer eine cholinreiche Nahrung erhielten. Zudem zeigte die Untersuchung, dass
die Empfehlung des Institute of Medicine vermutlich zu niedrig angesetzt ist, da die angegebenen täglich benötigten
Mengen an Cholin für einige Teilnehmer nicht ausreichend waren.(18)
Frauen vor der Menopause erleiden seltener Mangelerscheinungen, da der Östrogenlevel die endogene Produktion von
Cholin anregt.(19) Es muss berücksichtigt werden, dass Menschen im Laufe ihres Lebens und in
unterschiedlichen Lebenssituationen unterschiedliche Mengen an Cholin benötigen. Dazu kommen genetische
Variationen, die bei jedem Menschen bestimmen, wie viel Cholin er mit der Nahrung aufnehmen muss, um gesund zu
bleiben.(20)
Heute gilt als weitgehend gesichert, dass Cholin essentiell für den Körper ist und dass die Synthese von Cholin
im Körper allein nicht für die Versorgung ausreicht.(2; 6)
Noch weitere Erkrankungen aufgrund einer Cholin-Mangelversorgung sind mittlerweile erkannt worden. Bei Ratten
kommt es bei Cholinmangel zu Schädigungen an Leber und Nieren. Bei Menschen können sich die Symptome einer
Fettleber entwickeln, die verschwinden, wenn wieder ausreichend Cholin aufgenommen wird.(1)
Wie US-Forscher in einer Studie mit 51 Teilnehmern zeigten, kann Cholinmangel DNA-Schäden sowie den Zelltod von
Lymphozyten induzieren. Im Vergleich zu Teilnehmern mit normaler Diät hatten die Menschen mit cholinarmer Ernährung
doppelt so viele DNA-Schäden. Bei Menschen, die auf Cholinmangel mit Muskel- und Leberschäden reagieren, kommt es
dabei besonders häufig zu DNA-Schäden und Apoptose. Umgekehrt kann laut den Wissenschaftlern die Schädigung der DNA
sowie die Lymphozyten-Apoptose als klinischer Indikator für Cholinmangel genutzt werden.(21)
Besonders drastisch wirkt sich ein Cholinmangel bei gleichzeitigem Folatmangel aus, da in dem Fall Cholin statt
Folat als Methyl-Donor in vielen Reaktionen des Körpers genutzt wird.(22)
Eine Studie aus Griechenland deutet darauf hin, dass oral verabreichtes Cholin entzündungshemmende Eigenschaften
aufweist. (23) Laut einer indischen Studie kann die Einnahme von Cholin die Symptome eines allergischen Schnupfens,
Rhinitis, lindern.(24)
Die Einnahme von Cholin-Präparaten kann bei Frauen allerdings die Bildung von Polypen im Darm begünstigen. Dabei
ist laut den an der Studie beteiligten Medizinern nicht das Cholin die Ursache, sondern vermutlich andere in den
Mitteln enthaltene Stoffe.(25) Hinweise, dass sich das Darmkrebsrisiko durch die Einnahme erhöht,
konnten nicht bestätigt werden.(26)
Cholin kann zusätzlich zur Nahrung durch verschiedene Ergänzungspräparate aufgenommen werden. Oft liegt es dann
als Salz vor, wie als Cholin-Chlorid oder Cholin-Bitartrat. Der Handel bietet zudem Lecithin (Phosphatidylcholin)
als Nahrungsergänzung an. Sie enthält circa 13 Prozent Cholin. Da es jedoch für die Mittel keine Standards gibt,
kann der tatsächliche Gehalt an Lecithin von 20 bis 90 Prozent schwanken. Die Einnahme von Lecithin kann bei
empfindlichen Menschen außerdem Verdauungsbeschwerden auslösen.
Gesunde Erwachsene können sich durch die Ernährung gut mit Cholin versorgen und die natürliche Quelle ist
synthetischen Mitteln vorzuziehen, da Cholin daraus leicht verfügbar ist und weniger Gegenreaktionen auslöst. Wer
auf Fleisch, Eier und Milchprodukte verzichtet, sollte sichergehen, genügend cholinreiche Gemüse, Getreide und
Hülsenfrüchte zu verzehren.
Während der Schwangerschaft, der Stillzeit oder intensiver Trainingsphasen kann eine zusätzliche Cholin-Zufuhr
sinnvoll sein. Eine Beratung durch Ernährungsexperten kann helfen, den persönlichen Bedarf abzuschätzen und ein
geeignetes Mittel zu finden.
Eine hohe Aufnahme von Cholin (8-20 g/Tag) zusätzlich zur Nahrung kann jedoch zu einem unangenehmen Körpergeruch
nach verdorbenem Fisch führen, der nach Absetzen der Cholin-Präparate verschwindet. (27) Wer mehr als zehn Gramm
Cholin am Tag zu sich nimmt, kann davon Erbrechen, erhöhten Speichelfluss, Blutdruckabfall verbunden mit Schwindel
oder Schweißausbrüche bekommen. Laut dem Institut of Medicine kann Cholin in Form von Cholinsalicylat zudem
Leberschäden, Juckreiz oder Tinnitus auslösen, wenn mehr als drei Gramm pro Tag eingenommen werden. Es wird daher
eine Maximaldosis von 3,5 Gramm täglich empfohlen.
Menschen mit der angeborenen Stoffwechselkrankheit Trimethylaminurie (Fischgeruch-Syndrom) können aufgrund eines
Enzymdefektes Trimethylamin nicht abbauen. Da Cholin eine der Vorstufen von Trimethylamin ist, müssen Menschen mit
diesem Gendefekt auf eine cholinarme Diät achten.(28)

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