Acetyl-L-Carnitin – das Super-Carnitin

Informationen aus der Naturheilpraxis von René Gräber

René Gräber

Wirkung und Anwendung

L-Carnitin gilt in der Sport und Kraftsportwelt als eine „Aminosäure“. Die Substanz ist jedoch eine Kombination aus 2 Aminosäuren, dem Lysin und dem Methionin.

Damit handelt es sich um ein Peptid, die kleinste Form eines Proteins. L-Carnitin hat einen vitaminähnlichen Charakter, der ihm eine wichtige Rolle bei der Energiegewinnung im Stoffwechsel des Organismus zukommen lässt.

Das Peptid transportiert nämlich Fettsäuren innerhalb der Körperzellen und ist zugleich ein Rezeptormolekül. Genau genommen ist L-Carnitin verantwortlich für den Transport von langkettigen Fettsäuren in die Mitochondrien, die Energiezentralen der Zellen.

Dieser Transport ist ohne die Substanz nicht möglich, so dass ein Mangel nur durch eine gesteigerte Verbrennung von Kohlenhydraten kompensiert werden kann. Es kommt aber auf jeden Fall zu einer eingeschränkten Leistungsfähigkeit des Organismus, da durch die fehlende oder mangelhafte Fettverbrennung weniger Energie bereitgestellt werden kann, die nicht vollständig durch die Kohlenhydratverbrennung ausgeglichen wird.

Aber L-Carnitin ist glücklicherweise keine essentielle Substanz. Sie kann vom Organismus selbst synthetisiert werden, so dass ein Carnitin-Mangel eher unwahrscheinlich ist. Aber dennoch erfolgt die Deckung des täglichen Bedarfs primär über die Nahrung, insbesondere über Fleischprodukte. Rotes Fleisch ist besonders reich an L-Carnitin.

Carnitin und sein acetylierter Bruder

Wenn ich L-Carnitin nehme und es acetyliere, dann erhalte ich Acetyl-L-Carnitin. Unter Acetylierung versteht man das Anlagern einer Acetylgruppe an ein Molekül wie hier dem L-Carnitin. Durch diese biochemische Veränderung verändert sich nicht nur die Struktur des ursprünglichen Moleküls. Es ändern sich in der Regel auch seine biochemischen Eigenschaften.

In der Praxis macht sich das z. B. so bemerkbar, dass das Acetyl-L-Carnitin eine bessere Bioverfügbarkeit hat als das L-Carnitin, obwohl beide Substanzen die gleichen Resorptionsmechanismen benutzen, die durch eine gleichzeitige Gabe von Natrium gesteigert werden kann. Einmal im Blut, kann das Acetyl-L-Carnitin schneller und besser in die Körperzellen von Gehirn, Muskulatur, Herzmuskeln usw. eindringen als dies bei L-Carnitin der Fall ist.

L-Carnitin kann immer dann gut in die Zellen aufgenommen werden, wenn gleichzeitig eine Konzentrationsspitze an Insulin vorliegt, die durch eine Aufnahme von Kohlenhydraten verursacht wird. Das Acetyl-L-Carnitin ist unabhängig von diesem Mechanismus.

Dies scheint mit ein Grund zu sein, warum Acetyl-L-Carnitin in der Lage ist, relativ unproblematisch die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden. Eine Arbeit aus dem Jahr 2009 (Acetyl-l-carnitine (ALCAR) prevents hypobaric hypoxia–induced spatial memory impairment through extracellular related kinase–mediated nuclear factor erythroid 2-related factor 2 phosphorylation) konnte zeigen, dass die Substanz im Gehirn eine beträchtliche anti-oxidative Wirksamkeit hat und bei Sauerstoffmangel die Entstehung von freien Radikalen herabsetzt.

Bei einer Arbeit mit Ratten (CARNITINE ESTERS PREVENT OXIDATIVE STRESS DAMAGE AND ENERGY DEPLETION FOLLOWING TRANSIENT FOREBRAIN ISCHAEMIA IN THE RAT HIPPOCAMPUS) zeigte die Substanz ebenfalls starke anti-oxidative Wirkungen und verhütete durch Ischämien induzierte Nervenschädigungen und Energieverluste im Vorderhirn der Tiere.

Die Autoren vermuten am Schluss ihrer Arbeit, dass diese und ähnliche Substanzen möglicherweise zur Behandlung von neurodegenerativen Erkrankungen geeignet sind.

Eine Veröffentlichung aus dem Jahr 2010 (Acetyl-l-carnitine ameliorates mitochondrial dysfunction following contusion spinal cord injury) zeigte positive Effekte bei Verletzungen der Wirbelsäule durch Prellungen. Die Gabe von Acetyl-L-Carnitin 15 Minuten und dann 6 Stunden nach der Verletzung, die für die Dauer von 7 Tagen einmal täglich fortgesetzt wurde, war mit einer signifikanten Schutzfunktion für die graue Substanz (lat. Substantia grisea) verbunden. Eine Arbeit aus dem Jahr 2006 (Delayed acetyl-l-carnitine administration und its effect on sensory neuronal rescue after peripheral nerve injury) bewertete Acetyl-L-Carnitin als hoch protektiv im Zusammenhang mit Schädigungen des zentralen Nervensystems, so dass sich hier klinische Einsatzmöglichkeiten auftun.

Da ist der Schritt nicht weit, auch über den Einsatz von degenerativen Erkrankungen, wie Morbus Parkinson, nachzudenken. Eine Arbeit aus dem Jahr 2003 (Bioenergetic approaches for neuroprotection in Parkinson's disease) vermutet als Hauptursache für die Parkinson Erkrankung eine überschießende Freisetzung von freien Radikalen in den Mitochondrien der Hirnzellen. Im Tierversuch zeigten sich in diesem Zusammenhang eine Reihe von natürlichen Substanzen als therapeutisch nützlich, wie z. B. Kreatin, Ubichinon-10, Ginkgo biloba, Nicotinamid (ein Amid des Vitamins B3) und Acetyl-L-Carnitin.

Acetyl-L-Carnitin scheint zudem einen günstigen Einfluss auf besonders interessante Parameter zu haben: Diabetes Typ-2 und Hypertonie. Eine diesbezügliche Arbeit aus dem Jahr 2009 (Ameliorating Hypertension und Insulin Resistance in Subjects at Increased Cardiovascular Risk - Effects of Acetyl-l-Carnitine Therapy) konnte zeigen, dass eine relativ hoch dosierte Therapie mit Acetyl-L-Carnitin (zweimal 1 Gramm pro Tag) eine Hypertonie günstig beeinflussen konnte.

Das Gleiche galt für die Insulinresistenz und eine gestörte Glucosetoleranz. Darüber hinaus attestierten die Autoren der Substanz, dass sie, trotz der hohen Dosierung, von allen Patienten sehr gut vertragen wurde. Hieraus ergibt sich das Bild einer kardioprotektiven Wirksubstanz mit Anspruch auf den klinischen Einsatz.

Ähnliche Beobachtungen für den Diabetes Typ-2 wurden auch vom L-Carnitin beschrieben (L-Carnitine Improves Glucose Disposal in Type 2 Diabetic Patients). In dieser Arbeit zeigte sich, dass eine Infusion mit L-Carnitin zu einer signifikanten Verbesserung der Insulinempfindlichkeit der Zellen bei insulinresistenten Typ-2-Diabetikern führte. Gleichzeitig erfolgte eine signifikante Reduzierung von Lactat im Plasma, was auf die Aktivierung der Pyruvat-Dehydrogenase zurückzuführen ist, deren Aktivität während der Insulinresistenz unterdrückt wird.

Fazit

Mutter Natur hat uns eine weitere Substanz an die Hand gegeben, mit der wir in der Lage sind, eine Reihe von Körperfunktionen auf biochemischer Ebene günstig zu beeinflussen. Diesmal zählt sogar das Gehirn bzw. das zentrale Nervensystem zu den direkten Zielorganen.

Auch hier wieder die Feststellung der Wissenschaftler, dass die signifikante Wirksamkeit des Acetyl-L-Carnitins nicht begleitet ist von dementsprechend hohen Nebenwirkungsraten.

Im Gegenteil: integraler Bestandteil einer natürlichen Wirkung ist das praktische Fehlen von unerwünschten Wirkungen.