Vitamin B1 (Thiamin) - Nutzen, Wirkung und
Mangelerscheinungen
Die "wissenschaftlichere" Bezeichnung für Vitamin B1 ist Thiamin oder Thio-Vitamin, also ein schwefelhaltiges
Vitamin.
Thiamin ist ein wasserlösliches Vitamin des Vitamin B-Komplexes. Die alte
Bezeichnung für dieses Vitamin lautet „Aneurin“ wegen seiner schädlichen neurologischen Auswirkungen bei
auftretendem Mangel in der Nahrung. Vitamin B1 hat einige Phosphatderivate, die an einer Reihe von zellulären
Prozessen beteiligt sind. Das bedeutendste Derivat ist das Thiaminpyrophosphat (TPP), welches die biologische
Funktion eines Coenzyms inne hat und beim Abbau von Zuckern und Aminosäuren eine wichtige Funktion hat. In Hefen wird TPP für
den ersten Schritt in der Alkoholfermentation benötigt.

Die Biochemie aller Lebewesen ist auf Thiamin angewiesen, aber nur Bakterien, Pilze und Pflanzen sind in der
Lage, es zu synthetisieren. Alle Tiere und der Mensch müssen das Vitamin mit der Nahrung aufnehmen. Vögel, die
einen Thiaminmangel haben, zeigen charakteristische Formen von Polyneuritis; und bei Säugetieren und dem Menschen
entwickelt sich eine Erkrankung, die Beriberi genannt wird. Auch hier ist das periphere Nervensystem betroffen im
Sinne einer Polyneuritis. Bei ausgeprägtem Mangel ist auch das Herz-Kreislauf-System beeinträchtigt, was auch zum
Tod führen kann - falls keine schnelle und ausreichende Substitution mit Thiamin erfolgt. In weniger
dramatischen Fällen resultiert ein Thiaminmangel zum Beispiel in Gewichtsverlust, Verwirrtheit und
Erregbarkeit.
Unlängst sind neue Derivate von Thiaminphosphaten entdeckt worden, von denen man noch nicht genau weiß, wie, wo,
wann usw. sie funktionieren. Was man beobachtet hat, war, dass die neuen Derivate eine deutlich bessere
Pharmakokinetik besitzen als die alten Bekannten. Von daher hofft man, dass diese neuen Derivate Kandidaten werden
für eine effektivere Überwindung eines Vitamin B1 Mangels. Andere metabolische Störungen, wie z.B. Diabetes, könnten durch die neuen Derivate besser beeinflusst werden.
Die Entdeckungsgeschichte
Thiamin war das erste wasserlösliche Vitamin, das beschrieben wurde.
Die mit dem Thiaminmangel verbundenen Erkrankungen, wie Beriberi, wurden schon bei den Chinesen 2700 v.
Chr. beschrieben. Aber erst 1884 wurde der erste Schritt in die richtige Richtung unternommen. Kanehiro Takaki, ein
japanischer Chirurg, verwarf die bis dahin gehegte Meinung, dass es sich bei der Erkrankung um eine Infektion
handle.
Er sah vielmehr den Grund in einer falschen Ernährung. Als auf den Marine-Schiffen die Nahrungsmittel geändert
wurden, entdeckte er, dass ein Tausch von weißem Reis gegen braunen Reis das Problem mit Beriberi überraschend
schnell löste. Seit seiner Veröffentlichung dieser Beobachtung wurde er mit dem Spitznamen „Baron Barley“ geehrt.
Allerdings war seine Vermutung, dass der Effekt auf einer Stickstoffeinnahme beruhte, nicht richtig. Zu dieser
Zeit wußte man aber auch moch nichts von Vitaminen.
1897 beobachtete der niederländische Militärarzt Christiaan Eijkman in Niederländisch-Indien, dass Geflügel, das
mit gekochtem, poliertem Reis gefüttert wurde, eine Lähmung entwickelte. Diese Lähmungserscheinung konnte
rückgängig gemacht werden, wenn der polierte Reis durch unpolierten ersetzt wurde. Eijkman vermutete hinter dieser
Beobachtung ein Nervengift im Endosperm des Reis, wogegen die äußere Hülle des Reis den Körper vor der Freisetzung
schützte. Eijkman bekam 1929 den Nobelpreis für Medizin, weil seine Beobachtungen zur Entdeckung der Vitamine
beigetragen hatten.
Gerrit Grijns, ein Kollege Eijkmans, dagegen kam zu einer anderen und letztendlich richtigeren Beurteilung von
Beriberi und dem Konsum von poliertem Reis: Er vermutete, dass sich in den äußeren Schalen des Reis essentielle
Nährstoffe befinden müssen, die beim Polieren verloren gehen.
1911 isolierte Casimir Funk eine Substanz von Reiskleie, die er Vitamin nannte und die die Beriberi stoppte.
Dies war der Beginn für eine Reihe von intensiven Forschungen auf diesem Gebiet, wobei eine Vielzahl von
Erkenntnissen zu den Vitaminen und speziell zu den Thiaminen gewonnen wurden.
1936 war dann die Struktur von Thiamin bekannt und das erste synthetische Vitamin B1 wurde vorgestellt.
Vorkommen
Thiamin kommt vor in einer großen Anzahl an Nahrungsmitteln in mehr oder weniger hohen Konzentrationen. Hefe und
Schweinefleisch sind die Nahrungsmittel mit den höchsten Konzentrationen. Getreidekörner sind die bedeutendsten
Thiaminlieferanten, da sie in einer großen Anzahl an Nahrungsmitteln vorkommen.
Hierbei sind Vollkornprodukte den raffinierten vorzuziehen, da ihr Thiamingehalt deutlich höher ausfällt. Der
Grund dafür ist der gleiche wie im Reis: Die äußeren Schichten des Korns enthalten hohe Anteile an Thiamin, die bei
einer Bearbeitung dem Nahrungsmittel entzogen werden. Die Unterschiede sind mit 1:10 für das Vollkorn
beträchtlich.
Andere Nahrungsmittel, die reich an Vitamin B1 sind, sind Sonnenblumenkerne, Backhefe, Sojabohnen, Sesam, Teff,
Erbsen, Löwenzahn, Bohnen, Haferflocken, Geflügel, Kartoffeln, Orangen, Leber, Eier, Spargel, Blumenkohl etc.
Täglicher Bedarf
Die Empfehlungen für die meisten Länder liegen bei 1,4 mg pro Tag. Es gibt aber Studien mit freiwilligen
weiblichen Probanden, die zeigen konnten, dass eine tägliche Dosis von 50 mg zu einer erhöhten mentalen
Leistungsbereitschaft führt. Gleichzeitig sind keine Nebenwirkungen, auch bei einem hohen Konsum von Thiamin,
beobachtet worden.
Biochemische Feinde des Thiamins
Thiamin in Nahrungsmitteln kann auf verschiedene Wege in seiner Wirkung beschnitten werden. Sulfite werden
häufig als Konservierungsstoff in die Nahrungsmittel eingebracht. Diese Sulfite sind in der Lage die verschiedenen
Ringstrukturen des Thiamin voneinander zu trennen, ein Prozess, der unter sauren Bedingungen erheblich schneller
abläuft. Thiaminasen in rohem Fisch und Muscheln bauen das Vitamin ebenso ab.
Pflanzliche Thiaminantagonisten sind in der Regel hitzestabil. Einige Beispiele dafür sind Gerbsäure,
Kaffeesäure und Chlorogensäure. Diese organischen Säuren oxydieren den Thiazolring, was zur Folge hat, dass Thiamin
nicht mehr resorbiert werden kann. Zwei Flavonoide, Quercetin und Rutin, zählen ebenso zu den
Thiaminantagonisten.
Resorption
Thiamin wird im oberen Bereich des Dünndarms mit Hilfe von Phosphatasen und Pyrophosphatasen resorbiert. Bei
geringen Konzentrationen verläuft der Resorptionsprozess mit Hilfe eines Carrier-Proteins, bei hoher oder
ausreichender Konzentration verläuft er mittels passiver Diffusion.
Der aktive Transport mittels Carrier erfolgt hauptsächlich im Jejunum und Ileum, wobei Alkoholkonsum die
Resorption verhindert. Man weiß, dass die Zellen der Darmmukosa Thiaminpyrophosphokinase-Aktivitäten besitzen. Es
ist jedoch unklar, ob diese Eigenschaft an der aktiven Resorption beteiligt ist. Der überwiegende Anteil von
Thiamin im Darmbereich liegt in der pyrophosphorylisierten Form ThDP vor. Aber wenn Thiamin auf der serösen Seite
der Darmmembran erscheint, liegt es oft in freier Form vor. Die Aufnahme von Thiamin in Mukosezellen ist mit großer
Wahrscheinlichkeit an einen Phosphorylisierungs- und Entphosphorylisierungsprozess gebunden. Auf der serösen Seite
wird die Freisetzung aus den Zellen von einer Natrium-abhängigen ATPase gesteuert.
Im Serum selbst sind die meisten Thiamine an Proteine gebunden, besonders an Albumin. Etwa 90 Prozent des
gesamten Thiamins befindet sich in den Erythrozyten. Die Aufnahme aus dem Blut in die Körperzellen erfolgt über
einen aktiven Transportmechanismus und passiver Diffusion. 80 Prozent des intrazellulären Thiamins ist
phosphorylisiert und auch an Proteine gebunden. Die Einlagerung von Thiamin beim Menschen ist mit etwa 25 bis 30 mg
in der Skelettmuskulatur, im Herz, in der Leber und in den Nieren am höchsten.
ThMP und freies, also unphosphorylisiertes Thiamin kommt praktisch in allen Körperflüssigkeiten vor. Die weniger
phosphorylisierten Thiamine, wie freies Thiamin und ThMP, sind in der Lage, Zellmembranen zu durchwandern.
Menschliches Gewebe zeigt im Unterschied zu tierischem Gewebe eine deutlich geringere Thiaminkonzentration.
Sonstiges über Vitamin B1
Thiamin und seine 3 Metaboliten werden hauptsächlich über den Urin ausgeschieden. Thiamin selbst ist die
bevorzugte Transportform des Vitamins. Dagegen die aktive Form bzw. Formen sind die phosphorylisierten Derivate.
Vier davon kommen natürlich vor als Thiaminmonophosphat (ThMP), Thiamindiphosphat (ThDP), welches auch zeitweise
Thiaminpyrophosphat (TPP) genannt wird und Thiamintriphosphat (ThTP).
Dazu kommen noch die eingangs erwähnten Neuentdeckungen, als da sind: Adenosin-Thiamin-Triphosphat (AThTP) und
Adenosin-Thiamin-Disphophat (AThDP). Thiaminmonophosphat hat keine bekannte physiologische Aktivität. ThDP dagegen
wirkt als Coenzym für verschiedene andere Enzyme, wie die Pyruvatdehydrogenase oder die
alpha-Ketoglutaratdehydrogenase, die Transketolase und viele mehr.
Transkelotase und Pyruvatdehydrogenase sind Schlüsselenzyme für den Kohlenhydratmetabolismus. ThTP war lange
Zeit als neuroaktive Form des Thiamins angesehen worden. Erst jüngst konnte jedoch gezeigt werden, dass ThTP in
Bakterien, Pilzen, Pflanzen und Tieren existiert.
Dies führt zu der Annahme, dass ThTP eine weitaus größere Aufgabenvielfalt auf zellulärer Ebene zu haben
scheint. In E. coli z.B. spielt es eine Rolle als Antwort auf verschärften Aminosäuremangel.
Adenosin-Thiamin-Triphospatase (AThTP) oder thiaminylisiertes Adenosintriphosphat wurde unlängst in Escherichia
coli entdeckt. Es baut sich auf als Resultat von Kohlenstoffmangel. In E. coli liegen etwa 20 Prozent des Thiamins
als AThTP vor. Es kann auch in Hefen, Wurzeln von höheren Pflanzen und tierischem Gewebe nachgewiesen werden,
allerdings in bedeutend niedrigeren Konzentrationen. Adenosine-Thiamin-Diphosphat (AThDP) oder thiaminylisiertes
Adenosindiphosphat existiert in kleinen Mengen in der Leber der Wirbeltiere. Jedoch ist man sich über seine
Funktion nicht im Klaren.
Vitamin B1 Mangel und seine Folgen
Da alle Thiaminderivate und die dazugehörigen Enzyme, die von diesen Derivaten abhängig sind, in allen Zellen
des Organismus präsent sind, wird ein Thiaminmangel einen negativen Effekt auf den ganzen Organismus ausüben.
Jedoch zeichnen sich das Nervensystem und das Herz als besonders anfällig. Der Grund liegt in deren hohem
oxidativen Metabolismus.
Andere Effekte eines Vitamin B1 Mangels sind schwere Erschöpfungserscheinungen der Augen, Neurodegenerative
Erkrankung, Schwindsucht oder Tod.
Ein Thiaminmangel kann zustande kommen durch Fehlernährung, einer Ernährung, die einen hohen Anteil an
Thiaminase hat, wie roher Süßwasserfisch, Muscheln, Farne, und/oder Nahrung mit hohen Anti-Thiaminfaktoren, wie
Tee, Kaffee, Betelnüssen etc.
Eine weitestgehend unausgeglichene Ernährungssituation mit chronischen Erkrankungen, wie Alkoholismus,
Magen-Darm-Erkrankungen, HIV-AIDS und dauerhaftem Erbrechen sind auch geeignet für die Ausbildung eines
Thiaminmangels.
Das bekannteste Syndrom dieses Mangels ist das bereits erwähnte Beriberi Syndrom. Daneben gibt es noch das
Wernicke-Korsakoff-Syndrom. Beide sind nicht selten bei chronischem Alkoholismus zu finden.
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