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Probiotika gegen Depressionen

Informationen aus der Naturheilpraxis von René Gräber

René Gräber

Ist das jetzt nicht ein wenig weit hergeholt?
Aber weit gefehlt! Wie es aussieht, gibt es überraschend viele wissenschaftliche Arbeiten, die sich genau mit diesem Themenkomplex auseinandergesetzt haben. Und der Grund dafür ist, dass es so ein „Ding“ gibt, was wir umgangssprachlich als „Bauchhirn“ bezeichnen. Die Fachleute sprechen hier vom enterischen Nervensystem oder der Darm-Hirn-Achse.

„Medscape“ hat hierzu einen interessanten Beitrag gebracht (Achse Darm-Gehirn: Was die Darmflora mit Hirnerkrankungen zu tun hat), der leider nur die erste Seite zeigt. Die weiteren 4 Seiten kann man nur einsehen, wenn man eingeschriebenes Mitglied ist. Aber bereits auf dieser ersten Seite wird dem Leser erklärt, was es mit diesem „Bauchhirn“ auf sich hat: „Die bidirektionale Kommunikation zwischen dem Darm und Gehirn erfolgt auf direkten und indirekten Wegen über das zentrale und das enterische Nervensystem, über das endokrine und das Immunsystem sowie über die Modulation von Neurotransmittern.“

Was der Bauch mit Gefühlen zu tun hat, und wie sich das Bauchgefühl für das Gehirn auswirkt, das habe ich in meinem Beitrag Das Bauchgefühl - ist in Wahrheit Ihr Bauchhirn! diskutiert.

Unsere Arbeitshypothese lautet also: Wenn es eine nervale Direktverbindung zwischen Darm und Gehirn gibt, dann gibt es Grund zu der Annahme, dass Darmerkrankungen direkt in Verbindung stehen mit entsprechenden Störungen im Gehirn. Und das erfolgreiche Therapien der Darmerkrankungen auch die Störungen im Gehirn beseitigen.

In dem bereits oben erwähnten Artikel über Probiotika (Was sind Probiotika und Probiotische Arzneimittel?) habe ich mithilfe von wissenschaftlichen Arbeiten gezeigt, wie und bei welchen gesundheitlichen Problemen Probiotika eine wertvolle Therapiehilfe sein können.

Der Beitrag Autismus durch gestörte Darmflora und Glyphosat? diskutiert eine von einer Reihe von  Störungen, die durch eine gestörte Darmflora bedingt sein können.

Probiotika gegen Depression

Die Diskussion um die Darm-Hirn-Achse und damit verbundene therapeutische Interventionsmöglichkeiten scheint erst seit wenigen Jahren ernsthaft geführt zu werden. Eine Arbeit aus dem Jahr 2015 belegt dies.

The gut microbiome and diet in psychiatry: focus on depression.

Diese Arbeit fasst die zu diesem Zeitpunkt neueren Erkenntnisse zusammen, wie die Ernährung die Zusammensetzung und Aktivität der Darmflora beeinflusst und welchen Einfluss dies auf depressive Erkrankungen hat. Die Autoren sprechen davon, dass es neuere Arbeiten gibt, die gezeigt haben, dass möglicherweise Präbiotika und Probiotika und fermentiert Nahrungsmittel einen positiven Einfluss auf die mentale Gesundheit haben.

Sie kommen zu dem Schluss, dass die Diskussion sich noch in einem sehr frühen Stadium befindet. Dass sich aber jetzt schon abzeichnet, dass die Darmflora eine wichtige Rolle für die Entwicklung des Gehirns hat, sowie für das Verhalten und die mentale Gesundheit beim Menschen.

Clinical and metabolic response to probiotic administration in patients with major depressive disorder: A randomized, double-blind, placebo-control... 

Dies war eine kleine klinische Studie, randomisiert, doppelblind, Placebo kontrolliert, mit 40 Patienten mit schwerer Depression. 20 Patienten erhielten Probiotika, die Placebogruppe ein entsprechendes Placebo. Die Beobachtungszeit war 8 Wochen.

Es zeigte sich, dass die Verumgruppe nach 8 Wochen einen signifikanten Rückgang der depressiven Symptome verzeichnete. Gleichzeitig sanken die Insulinkonzentrationen, verbesserte sich die Insulinresistenz und das C-reaktive Protein als Marker für Entzündungsprozesse war ebenfalls signifikant reduziert.

Probiotic supplementation can positively affect anxiety and depressive symptoms: a systematic review of randomized controlled trials.

Diese Metaanalyse untersuchte die Frage, inwieweit die Gabe von Probiotika Depressionen und Angstzustände positiv beeinflussen kann. Die dazu gefundene Literatur von 10 randomisierten Studien zeigt, dass es bis zu diesem Zeitpunkt eine eingeschränkte Bestätigung eines Zusammenhangs gibt. Die Autoren sehen hier methodische Probleme bei der Durchführung der Studien als Grund, warum die Zusammenhänge nicht eindeutiger zu sehen sind. Sie sagen, dass trotz der methodischen Beschränkungen die Resultate einen psychologischen Nutzen aufgrund der Gabe von Probiotika erkennen lassen.

A double-blind, randomized, placebo-controlled trial of Lactobacillus helveticus and Bifidobacterium longum for the symptoms of depression.

Diese Arbeit wurde mit 79 Teilnehmern durchgeführt. Auch hier handelt es sich um eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Arbeit.

Diese Arbeit sah keinen klinischen Effekt einer Gabe von Probiotika nach einer Beobachtungszeit von 8 Wochen. Allerdings sahen die Autoren hier, dass unterschiedliche Konzentrationen von Vitamin D den Behandlungseffekt beeinflusst hatten.

Sie sahen auch die Schwere, Chronifizierung oder Behandlungsresistenz der Teilnehmer als mögliche Ursache für einen negativen Behandlungserfolg. Sie empfehlen auch, bei weiteren Studien den Vitamin-D-Spiegel zu überwachen. Und sie befürworten weitere Studien in dieser Richtung.

The Microbiome-Gut-Brain Axis in Health and Disease.

Auch diese Arbeit stammt aus diesem Jahr (2017). Diese Übersicht bestätigt die bislang gemachten Beobachtungen, dass die Darmflora einen Einfluss auf Stressempfindung und kognitive Funktionen hat. Weiter sehen die Autoren die Möglichkeit, mithilfe von Präbiotika und Probiotika, und gegebenenfalls Antibiotika, die Hirnfunktionen zu beeinflussen und Störungen der Darm-Hirn-Achse, wie Depressionen und Autismus, zu beseitigen.

The effects of probiotics on depressive symptoms in humans: a systematic review.

Eine weitere Arbeit aus diesem Jahr spricht davon, dass es eine überwältigende Zahl von Hinweisen gibt, dass Probiotika in der Lage sind, depressive Symptome zu verbessern, dass aber die Zahl der klinischen Studien mit einer entsprechend großen Probandenzahl noch zu dürftig ist.
Grund für diese Aussage ist eine Auswertung von 10 Studien in Form einer Metaanalyse, wobei die Mehrheit dieser Studien zu einer positiven Bilanz kommt.

Sehr vergleichbare Ergebnisse gibt es auch bei Tierversuchen:

Probiotic treatment reduces depressive-like behaviour in rats independently of diet.

Antibiotic-induced microbiota perturbation causes gut endocannabinoidome changes, hippocampal neuroglial reorganization and depression in mice.

Die zuletzt genannte Arbeit ist allerdings ein Hinweis dafür, dass der umgekehrte Weg, also der Einsatz von Antibiotika (und nicht von Probiotika) zu massiven Veränderungen der Darmflora führt, die wiederum einen massiven Einfluss auf das Verhalten der Tiere im Sinne einer Depression haben. Damit haben wir einen Hinweis, das Antibiotika möglicherweise an der Entstehung von Depressionen beteiligt sein können.

Potential Novel Treatments for Bipolar Depression: Ketamine, Fatty Acids, Anti-inflammatory Agents, and Probiotics.

In dieser neuen Arbeit besprechen die Autoren eine Reihe von Substanzen, die möglicherweise bei bipolaren Störungen einen positiven Effekt ausüben können. Ketamin, eine psychoaktive Droge, die in der Anästhesie und Schmerzbehandlung eingesetzt wird, zeigte nur einen kurzzeitigen Effekt.

Die mehrfach ungesättigten Fettsäuren (ich gehe davon aus, dass Omega-3-Fettsäuren gemeint sind) werden als wichtig für die Struktur und Funktion von Neuronen und deren Zellmembranen angesehen, und zeigen somit einen positiven Effekt bei bipolaren Störungen.

Die Autoren berichten, dass Entzündungsprozesse zu einer veränderten Synthese von Peptiden führen, die wiederum Grundlage für depressive Veränderungen bei den Patienten sind. Der Einsatz von entzündungshemmenden Medikamenten, wie Celecoxib, ein selektiver COX-2-Hemmer, hat laut Bericht der Autoren einen gewissen Nutzen zeigen können.

Allerdings betrachten die Autoren den Einsatz von Probiotika bei dieser Indikation als noch zu „spekulativ“.

Mein Fazit hier: Ketamin und Celecoxib sind verschreibungspflichtige Medikamente der Schulmedizin und werden in dieser Übersichtsarbeit als relativ positiv dargestellt. Auffällig ist, dass bei der Darstellung Omega-3-Fettsäuren nicht als Omega-3-Fettsäuren, und damit als natürlich vorkommende Substanzen, Erwähnung finden. Die Autoren begnügen sich hier mit dem Ausdruck „mehrfach ungesättigte Fettsäuren“. Die Probiotika und die von ihnen ausgehenden Verbesserung des Darmmilieus werden als „spekulativ“ dargestellt. Ich kann mich hier des Eindrucks nicht erwehren, dass hier natürliche Substanzen wie Omega-3-Fettsäuren und Probiotika kleingeredet werden sollen. Denn die bisher diskutierten Arbeiten über Probiotika und deren Effekte auf die Darmflora und letztendlich auf depressive Veränderungen erschienen dort als alles andere als „spekulativ“.

Recent developments in understanding the role of the gut microbiota in brain health and disease.

Diese Arbeit aus Irland, ebenfalls aus diesem Jahr, bestätigt noch einmal die bislang gemachten Ergebnisse, wie wir sie in den zuvor diskutierten Arbeiten gesehen haben. Für die Autoren ist der Einsatz von Probiotika zur Verbesserung der Darmflora und damit verbunden die Behandlung von neurologischen Problemen alles andere als „Spekulation“. Die Autoren befürworten explizit eine gezielte Therapie mit Präbiotika, Probiotika und einer entsprechenden Ernährung.

Probiotic Bifidobacterium longum NCC3001 Reduces Depression Scores and Alters Brain Activity: A Pilot Study in Patients With Irritable Bowel Syndrome

Die neueste Arbeit stammt vom August diesen Jahres. Auch hier handelt es sich um eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte klinische Studie, allerdings mit nur 44 Teilnehmern mit Reizdarmsyndrom und entsprechenden Symptomen. Gleichzeitig litten diese Patienten unter Angstzuständen und/oder Depressionen.

Die Beobachtungsdauer betrug 10 Wochen. Die Autoren beobachteten während dieser Zeit Symptome des Reizdarmsyndroms, Lebensqualität und Somatisierung.

Es zeigte sich, dass die Gabe von Probiotika die Depressionen signifikant mildern konnte, allerdings keinen deutlichen Effekt bei den Angstzuständen zeigte. In Bezug auf Lebensqualität zeigte sich unter den Probiotika eine deutliche Verbesserung. Die Verbesserungen standen in einem Zusammenhang mit Veränderungen in den Hirnaktivitäten, die mithilfe von Magnetresonanztomografie-Messungen ermittelt und bestätigt wurden.

Fazit

Es gibt inzwischen überraschend viele Arbeiten, die sich mit einem auf den ersten Blick ungewöhnlichen Zusammenhang auseinandersetzen, der direkten und indirekten Verbindung zwischen Gastrointestinaltrakt und Gehirn. Selbst in der Schulmedizin scheint das Konzept der „Darm-Hirn-Achse“ einiges an Anerkennung gefunden zu haben. In diesen Kreisen spricht man dann eher von einem „enterischen Nervensystem“. Die bislang gemachten Ergebnisse werden allerdings von noch viel zu kleinen klinischen Studien gestützt. Dies ist für mich kein Grund, diese vorläufigen Ergebnisse als „spekulativ“ abzutun, sondern ein Wegweiser, in welche Richtung die Forschung gehen sollte, um zu besseren Therapien für psychische Erkrankungen zu gelangen.

Auch hier sehe ich kommen, dass die Mehrzahl der betroffenen Patienten von einer natürlichen Therapie mit natürlich vorkommenden Substanzen, wie Probiotika, Vitamin D, Omega-3-Fettsäuren etc. profitieren kann, und nur die „harten Fälle“ Fälle für den Einsatz von synthetischen Substanzen werden. Dieses Szenario ist natürlich kein besonders günstiges für die Hersteller von Antidepressiva und verwandten Substanzen.