Vitalstoffe und Orthomolekulare Medizin
Nützen Vitalstoffe wirklich?
Ein Gespenst geht um in Europa: Laut Kopenhagener Meta-Analyse sind Vitamin-Nahrungsergänzungen der neue
Killer.
So veröffentlichten es jedenfalls mehrere Tageszeitungen in Europa. Grundlage dieser Aussage ist eine
Meta-analytische Studie des Cochrane Centers in Kopenhagen.
Vorsicht Vitamine!
Zitiert werden die Cochrane Forscher als methodisch zuverlässig, und in dieser Eigenschaft erstellten sie eine
Meta-Analyse aus 67 hochwertigen Fachartikeln, die mehr als 230.000 Teilnehmer einschloss. Untersucht wurde auf die
Gaben von Beta-Karotin, Vitamin A,
Vitamin C, Vitamin E und Selen und deren Auswirkung auf die Sterblichkeit der an den Studien Beteiligten.
Das Ergebnis war dementsprechend überraschend. Vitamine werden zu jeder Zeit und an jedem Ort per se als wichtig
und gesund erachtet, weshalb die Gesundheits-Magazine nicht aufhören, Vitamine als supergesunde und vor allem äußerst notwendige
Nahrungsergänzung hochzupreisen. Die Cochrane Forscher kommen jedoch zu völlig konträren Ergebnissen: Vitamine
erhöhen die Sterblichkeit. Sie sahen eine Sterblichkeit von 10,5 Prozent in der Placebo-Gruppe, aber eine 13,2
prozentige Sterblichkeit in der Vitamin-Gruppe. Auch eine
Unterteilung in gesunde und kranke Teilnehmer (ca. 50 Prozent galten als morbid) zeigte das gleiche desolate Bild
für die Vitamine.

Kaum veröffentlicht, gab es dann auch die ersten Forderungen nach Konsequenzen. Die Vitamin-Industrie sollte
stärker reguliert werden und die Zulassungsbedingungen verschärft werden. Denn: um diese Art von Präparaten auf den
Markt zu bringen, bedarf es keines Nutzennachweises. Es muss nur sichergestellt werden, dass das Präparat nicht
schädlich ist. Von daher ist das Geschäft mit den Vitaminen mehr als profitabel, wurden, laut Sueddeutsche Zeitung,
2006 465 Millionen Euro mit Vitaminzusätzen verdient, ohne die Discounter mit einzubeziehen.
Der Vitamin Gegenstoß
Die Meta-Analyse wurde 2007 in JAMA (Journal of the American Medical Association) veröffentlicht. Die
Veröffentlichung in einer renomierten Fachzeitschrift aber erwies sich nicht als die erhoffte Legitimisierung und
Anerkennung durch die Fachwelt. Im Gegenteil. Die Veröffentlichung wurde zum Bumerang, denn schon bald wurden
kritische Stimmen laut, die den kompletten Aussagewert der Meta-Analyse bezweifelten.
Hauptkritikpunkt zur Studie ist deren Durchführung. Nach wissenschaftlichem Standart braucht es eine
prospektive, doppel-blind Placebo kontrollierte, randomisierte Durchführung, um zu wissenschaftlich
aussagekräftigen Ergebnissen zu kommen. Ein weiterer wichtiger Punkt wäre noch die Größe der Probandenzahl, die in
der Kopenhagener Meta-Analyse keinen Kritikpunkt darstellte.
Als weitere Kritikpunkte galten, dass in der Meta-Analyse gesunde und kranke Teilnehmer undifferenziert in den
Datenpool geworfen wurden. Auch das Dosierungschema der fünf verschiedenen Vitamine war äußerst inkonsistent und
damit praktisch nicht vergleichbar. Das gleiche Bild ergibt sich bei der Behandlungsdauer von einem Tag bis zu 12
Jahren.
Als letzter Punkt wurde kritisiert, dass nicht nur, wie behauptet, Primär- und Sekundär-Präventions-Studien
berücksichtigt wurden, „sondern auch andere Versuchsarten.“
Auch der Folgeschluss, dass die erhöhte Sterblichkeit auf die Tatsache zurückzuführen sei, dass die Vitamine
synthetischer Natur seien, wurde zurückgewiesen.
So entgegnete Prof. Hans-Konrad Biesalski von der Universität Hohenheim, dass die positiven Effekte von
Antioxidantien generell akzeptiert und durch etliche Untersuchungen belegt seien.
Aber gerade auch um diesem Effekt und nutzen der "Antioxidation" wird gestritten - wie ich im
Beitrag "Freie Radikale: Doch
nicht so schädlich wie gedacht" zeige.
Ein Brief an JAMA, der die Ungereimtheiten darlegte, wurde von der JAMA Redaktion zurückgewiesen.
Weitere Ungereimtheiten
Im July 2007 veröffentlichten Wissenschaftler des Cochrane Centers einen Beitrag in JAMA, wo sie vor einer
Überbewertung einer Meta-Analyse warnen:
„Conclusions - The high proportion of meta-analyses based on Standardized Mean Differences that show
errors indicates that although the statistical process is ostensibly simple, data extraction is particularly
liable to errors that can negate or even reverse the findings of the study. This has implications for
researchers and implies that all readers, including journal reviewers and policy makers, should approach such
meta-analyses with caution.” (vgl: Peter C. Gøtzsche et. al.: Data Extraction Errors in Meta-analyses That Use Standardized Mean
Differences)
Bleibt die Frage, ist die oben genannte Meta-Analyse mit völlig anderen statistischen Verfahren durchgeführt
worden, dass man sie fast zeitgleich in der gleichen Zeitschrift veröffentlichen konnte, ohne sich ins eigene Knie
zu schießen?
Oder liegt bei den Forschern eine Vitaminmangel-induzierte partielle Amnesie vor?
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