Chrysin: Anwendung, Wirkung und Nutzen

Informationen aus der Naturheilpraxis von René Gräber

René Gräber

Chrysin ist ein natürlich vorkommendes Flavon, einem Mitglied der Flavonoid-Familie.

Die Substanz kommt in Passionsblumen, Trompetenbaumgewächsen und Kamille vor.

Einige Pilze, wie der Austern-Seitling, der in der asiatischen Küche als Delikatesse zum Einsatz kommt, und Honigwaben/Propolis zeigen ebenfalls nennenswerte Mengen an Chrysin.

Die Hauptwirkung dieser Substanz beim Menschen (und Tieren) soll eine Hemmung der Aromatase, auch Estrogen-Synthase genannt, sein, die Testosteron zu Estradiol umwandelt. Oder mit anderen Worten: Chrysin bremst den Aufbau von Östrogenen im Organismus, die in der Regel aus Testosteron gebildet werden. Auf der anderen Seite bewirkt diese Hemmung eine Erhöhung des Testosteron-Spiegels, was unter Umständen therapeutisch von Bedeutung sein kann.

Auf einschlägigen Webseiten, die die Substanz zum Kauf anbieten, gibt es entsprechende Listen an möglichen Einsatzgebieten, wie zum Beispiel:

  • Erhöhung des Testosteronspiegels
  • Zur Angstreduzierung
  • Zur Steigerung der sportlichen Leistungsfähigkeit (v.a. im Bodybuilding)
  • Bei erektiler Dysfunktion
  • Zur Entzündungshemmung
  • Gegen Haarausfall
  • Zur Krebsvorbeugung
  • Gegen Gicht

Ob hier Gicht dazu gehört, ist nicht unbedingt nachvollziehbar. Auch die Vermeidung von Haarausfall ist so nicht einsichtig, da hohe Testosteron-Spiegel, vor allem Dihydrotestosteron-Spiegel, mit dem kompletten Gegenteil verbunden sind. Für die anderen Symptome jedoch könnte mehr oder weniger eine Wirksamkeit gegeben sein.

Chrysin in der Wissenschaft

Eine Reihe von Beschreibungen der Substanz im Internet bezieht sich auf wissenschaftliche Quellen, die mehr als 15 Jahre und älter sind. Vor allem bei Wikipedia belegen diese älteren Quellen, dass die angesagten Wirksamkeiten keine wissenschaftlichen Belege für sich in Anspruch nehmen können. Eine Arbeit von 2001 wird hier zitiert, die an sieben Probanden zeigen konnte, dass Chrysin zwar resorbiert, aber in der Leber sofort und nahezu vollständig metabolisiert wird (Disposition and metabolism of the flavonoid chrysin in normal volunteers.).

Wenn Wirksamkeiten gesehen wurden, dann nur im Reagenzglas (Chrysin suppresses lipopolysaccharide-induced cyclooxygenase-2 expression through the inhibition of nuclear factor for IL-6 (NF-IL6) DNA-binding activity.). Damit wäre dieses Kapitel beendet. Oder gibt es inzwischen neue Arbeiten  zu Chrysin mit weniger negativen Ergebnissen?

Die zuletzt zitierte Arbeit (von 2005) zeigte im Reagenzglas, dass Chrysin wie ein COX-2-Hemmer wirkt (siehe Celebrex, einem Entzündungshemmer gegen Gelenkerkrankungen und Polyarthritis). Diese 2014 veröffentliche Studie scheint die Versuchsanordnung vom Reagenzglas auf Labormäuse übertragen zu haben: Chrysin alleviates testicular dysfunction in adjuvant arthritic rats via suppression of inflammation and apoptosis: comparison with celecoxib.

In dieser Arbeit wurden Ratten mit 25 oder 50 mg/kg Körpergewicht Chrysin versorgt oder mit 5 mg/kg Körper Celebrex. Die Aufnahme der Substanzen erfolgte oral. Eine künstliche Induktion von Arthritis sollte die Wirksamkeit der Substanzen bei den Tieren ermitteln. Es zeigte sich, das 50 mg/kg Körpergewicht Chrysin die gleichen positiven Effekte hatten wie Celebrex: Senkung der Entzündungsprozesse, Verbesserung der Spermatogenese, Erhöhung des Serum-Testosterons und so weiter.
Fazit: Ob die Wirkung direkt auf den Menschen übertragbar ist, das bleibt noch zu fragen. Aber dass  die Autoren eine Wirkung dokumentieren konnten, die gleich gut mit der des Medikaments ausfiel, lässt die Frage auftauchen, wie dies zustande kommen konnte. Denn angeblich ist Chrysin oral nicht verfügbar. Die Dosierung von 50 mg/kg Körpergewicht würde bei einem 80 kg schweren Menschen  4 Gramm Chrysin ergeben. Das hört sich nach viel Substanz an. Als schulmedizinisches Medikament sind solche Mengen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit äußerst problematisch. Bei natürlichen Substanzen dagegen können diese Mengen oft ohne Bedenken wegen „Nebenwirkungen“ eingenommen werden. Aber auch hier gibt es Einschränkungen.

Eine ähnlich „gestrickte“ Arbeit mit Ratten gab es bereits im Jahr 2012 (Beneficial effects of chrysin on the reproductive system of adult male rats.), bei der ebenfalls 50 mg/kg Körpergewicht Chrysin, aufgelöst in Maisöl, zum Einsatz kamen. In dieser Arbeit wurden 8 Ratten mit Chrysin gefüttert. Eine Kontrollgruppe mit 8 Tieren erhielt reines Maisöl als „Placebo“. Die Beobachtungszeit betrug 60 Tage. Die Ergebnisse zeigten, dass Chrysin signifikant Glutathion-Konzentrationen, die anti-oxidativen Enzymaktivitäten und Spermienparameter verbessern konnte. Die Serum-Testosteron-Spiegel stiegen in der Verumgruppe ebenfalls deutlich an. Die Zahl abnormer Spermien sank gleichzeitig.

Die Autoren schlossen aus ihren Beobachtungen, dass Chrysin das reproduktive System bei Ratten positiv unterstützt und dass es als eine Therapie gegen männliche Unfruchtbarkeit in Frage kommt.
Fazit: Auch hier scheint es keine Probleme mit der Bioverfügbarkeit der Substanz zu geben.

Es gibt eine Arbeit aus dem Jahr 2003 (Effects of chrysin on urinary testosterone levels in human males.), die den Einsatz von Chrysin bei Männern untersucht hatte. Die Arbeit ging der Frage nach, ob Chrysin-haltige Nahrungsmittel, wie Honig und Propolis, nach 21 Tagen „Behandlung“ die Serum-Testosteron-Spiegel erhöhen kann. Ergebnis: Kein Ergebnis, beziehungsweise keine Veränderung des Testosterons.
Fazit: Es lässt sich aus dem Abstract der Studie nicht ablesen, mit wie vielen Teilnehmern die Studie durchgeführt wurde. Ebenso gab es keine Angaben zur Wirkstoffmenge in Bezug auf Chrysin. Diese Art der „Studie“ verdient eher die Bezeichnung „Anwendungsbeobachtung“.

Eine Arbeit von 2016 (Chrysin Increases the Therapeutic Efficacy of Docetaxel and Mitigates Docetaxel-Induced Edema.) konnte zeigen, dass Chrysin die Therapie mit Docetaxel (Taxotere®) gegen Lungen-,  Magen- und Prostatakrebs günstig beeinflusst. Chrysin verstärkt die Wirkung des Zytostatikums und verringert gleichzeitig dessen Nebenwirkungen. Dabei scheint die Substanz selbst krebsverhindernde Wirksamkeit zu haben. Unter gleichzeitiger Gabe von Chrysin sahen die Autoren ebenfalls eine verstärkte Apoptose von Tumorzellen.

Fazit: Diese Veröffentlichung ist keine kontrollierte Studie, sondern eine Übersichtsarbeit über bisher gemachte Beobachtungen. In Zusammenhang mit den positiven Ergebnissen wäre es interessant zu erfahren, ob Chrysin oral und in welchen Dosierungen verabreicht worden ist.

Emerging Adjuvant Therapy for Cancer: Propolis and its Constituents. - Diese Übersichtsarbeit beschreibt Propolis als einen vielversprechenden Zusatz zur konventionellen Chemotherapie. Der Autor sieht neben anderen natürlichen Wirksubstanzen auch Chrysin als krebsverhindernde Substanz an, die zusammen genommen einen starken therapeutischen Effekt ausüben.

Der Autor lässt sich zu der bemerkenswerten Äußerung hinreißen, dass trotz phänomenaler Fortschritte in der Krebsforschung immer noch Nachholbedarf bei der Behandlung von malignen Erkrankungen besteht. Hier sieht der Autor den Einsatz von natürlichen Substanzen, wie Propolis, als mehr als nur eine Alternative an.

Weitere neuere Studien aus den letzten Jahren sind Arbeiten, die sich im „Reagenzglas“ mit der Frage auseinandersetzen, ob Chrysin anti-kanzerogene Eigenschaften hat und wie stark sie ausgeprägt sind. Klinische Studien scheint es in der Tat nicht zu geben. 

Pharmacokinetic Interaction of Chrysin with Caffeine in Rats. - Diese Arbeit allerdings scheint die schlechte Bioverfügbarkeit bei Ratten zu bestätigen. Die Autoren vermuten, dass Chrysin nach der Resorption sofort in der Leber verstoffwechselt wird.

Es gibt Hinweise, dass diese sofortige Verstoffwechslung in der Leber (First-Pass-Effekt) durch Piperin, einem Inhaltsstoff von Pfeffer, eingedämmt werden kann. Die Substanz hemmt Cytochrome, die für diese Verstoffwechslung verantwortlich sind. So ist die Bioverfügbarkeit von Kurkumin unter Piperin signifikant erhöht. Arbeiten, die dies auch für Chrysin zeigen, scheint es noch nicht zu geben. Auch wenn sich diese Vermutung bestätigen sollte – und es scheint hier eine Reihe von Beobachtungen diesbezüglich zu geben – ist die gleichzeitige Gabe von Piperin mit dem Nachteil verbunden, dass die gehemmten Cytochrome auch eine Hemmung des Abbaus einer Reihe von schulmedizinischen Medikamenten mit sich bringt. Darum sollte man an dieser Stelle sehr vorsichtig sein, denn schulmedizinische Substanzen haben keinen so hohen therapeutischen Bereich. Eine Überdosierung ist aufgrund eines lahm gelegten Cytochroms durchaus im Bereich des Möglichen.

Fazit

Chrysin ist eine mehr als interessante Substanz, die aus Sicht der Wissenschaft aber weniger als unzureichend untersucht worden ist. Die Zahl der Studien am Menschen lässt sich an den Fingern einer Hand abzählen, während die Zahl der Labor- und Tierstudien zwar höher ausfällt, und dabei mit Ergebnissen aufwarten kann, die so gut ausfallen, dass ich keinen Grund sehe, diese Substanz nicht unter klinischen Bedingungen prüfen zu lassen. Der „Engpass“ hier ist die schlechte Bioverfügbarkeit, die mit Piperin beeinflusst werden kann. Allerdings muss bei Piperin abgeklärt werden, ob gleichzeitige medikamentöse Behandlungen keine Wechselwirkungen mit sich bringen.

Dieser Beitrag wurde letztmalig am 08.11.2016 aktualisiert.