Vitamin D Wert unter 12? Dann ist selten nur ein Wert schlecht…

René Gräber neben der Überschrift „Vitamin D unter 12 – dann ist selten nur ein Wert schlecht“

Es gibt Laborwerte, bei denen man über Feinheiten diskutieren kann. Und es gibt Werte, bei denen im Körper meistens mehr im Argen liegt. Ein 25(OH)D-Wert unter 12 ng/ml gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie.

Wer seit Jahren Vitamin-D-Werte bestimmt, kennt diese Patienten: mehr Bauchfett, weniger Muskelkraft, Erschöpfung, gestörter Zuckerstoffwechsel, erhöhte Entzündungswerte und häufig eine ganze Sammlung weiterer Auffälligkeiten.

Natürlich trifft nicht jedes Merkmal auf jeden Patienten zu. Doch ein Vitamin-D-Wert von 12 ng/ml ist selten ein einsamer Ausrutscher auf einem ansonsten tadellosen Laborzettel.

Eine neue Studie mit 5.520 Menschen ab 50 Jahren liefert dafür bemerkenswerte Zahlen: Traf ein ausgeprägter Vitamin-D-Mangel mit abdominaler Adipositas zusammen, war das Sterberisiko gegenüber Menschen ohne beide Befunde um 123 Prozent erhöht.[1]

Das ist schon gravierend… Und es ist auch keine jener Studien, bei denen ein Grenzwert nachträglich so lange verschoben wurde, bis irgendwo ein statistisches Signal passte.

Was genau wurde untersucht?

Die Wissenschaftler werteten Daten der englischen Langzeitstudie ELSA aus. Eingeschlossen wurden 5.520 Frauen und Männer im Alter von mindestens 50 Jahren. Die Beobachtungszeit betrug sechs Jahre.

Abdominale Adipositas wurde über den Bauchumfang definiert:

  • mehr als 102 Zentimeter bei Männern,
  • mehr als 88 Zentimeter bei Frauen.

Der Vitamin-D-Status wurde anhand des 25-Hydroxy-Vitamin-D-Wertes, kurz 25(OH)D, beurteilt:

  • ausreichend: mindestens 50 nmol/l beziehungsweise 20 ng/ml,
  • unzureichend: 30 bis unter 50 nmol/l beziehungsweise 12 bis unter 20 ng/ml,
  • Mangel: unter 30 nmol/l beziehungsweise unter 12 ng/ml.

Bereits diese Einteilung ist bemerkenswert. Die Studie spricht ab 20 ng/ml von einer ausreichenden Versorgung. Aus meiner Praxissicht ist das bestenfalls die untere Sicherheitskante. Warum ich Werte unter 30 ng/ml kritisch sehe, habe ich ausführlicher in meinem Beitrag Vitamin D: Formen, Bedarf und Laborwerte beschrieben.

Die höchste Sterblichkeit zeigte die Kombination

Als Vergleichsgruppe dienten Menschen ohne abdominale Adipositas und mit mindestens 20 ng/ml Vitamin D. Die statistische Auswertung berücksichtigte unter anderem Alter, Geschlecht, Bildung, Vermögen, Rauchen, Alkoholkonsum, Bewegung sowie zahlreiche Vorerkrankungen.

Konstellation Relatives Sterberisiko
Kein Bauchfett, Vitamin D mindestens 20 ng/ml Referenzwert 1,00
Kein Bauchfett, Vitamin D 12 bis unter 20 ng/ml HR 1,91
Kein Bauchfett, Vitamin D unter 12 ng/ml HR 1,81
Bauchfett, Vitamin D mindestens 20 ng/ml HR 1,47
Bauchfett, Vitamin D 12 bis unter 20 ng/ml HR 1,50
Bauchfett plus Vitamin D unter 12 ng/ml HR 2,23

Die Hazard Ratio von 2,23 bedeutet: Über den Beobachtungszeitraum lag die Sterberate in der Gruppe mit Bauchfett und ausgeprägtem Vitamin-D-Mangel um 123 Prozent höher als in der Referenzgruppe. Das 95-Prozent-Konfidenzintervall reichte von 1,50 bis 3,33.

Von einer zufälligen Miniabweichung kann man hier kaum sprechen.

Interessant ist allerdings auch, dass die Werte keine saubere Treppenstufe bilden. Bei Menschen ohne abdominale Adipositas lag die Hazard Ratio in der Gruppe mit unzureichender Versorgung bei 1,91 und bei ausgeprägtem Mangel bei 1,81. Die Konfidenzintervalle überschneiden sich deutlich.

Die Studie liefert daher kein mathematisches Gesetz, nach dem jeder zusätzliche Nanogrammwert das Leben um einen bestimmten Prozentsatz verlängert. Solche Geschichten funktionieren hervorragend im Marketing. Der Stoffwechsel hält sich erfahrungsgemäß nur selten daran.

Was ich bei solchen Patienten in der Praxis sehe

Mich überrascht das Ergebnis nicht. Bei einem Vitamin-D-Wert um 12 ng/ml sieht es häufig insgesamt schlecht aus.

Damit meine ich nicht, dass der Patient zwangsläufig schwer krank sein muss. Ich meine das Muster dahinter: Der Organismus befindet sich häufig in einer ungünstigen Stoffwechsellage.

In der Studie zeigte die Gruppe mit Bauchfett und Vitamin-D-Mangel bereits zu Beginn:

  • die niedrigste durchschnittliche Griffkraft,
  • die höchsten Triglyceridwerte,
  • die niedrigsten HDL-Werte,
  • häufiger depressive Symptome,
  • einen höheren BMI und deutlich mehr Adipositas.

Genau diese Verbindungen sind entscheidend. Muskeln, Zuckerstoffwechsel, Entzündung, Fettverteilung und Mikronährstoffstatus arbeiten nicht in getrennten Abteilungen.

Die Muskulatur ist dabei eines der wichtigsten Stoffwechselorgane überhaupt. Sie nimmt Glukose auf, verbessert die Insulinempfindlichkeit und schützt im Alter vor Gebrechlichkeit. Mehr dazu lesen Sie in meinem Beitrag über Muskelaufbau, Ernährung und Vitalstoffe.

Auch sichtbare Zeichen einer Insulinresistenz werden häufig übersehen. Hautanhängsel und dunkle Verfärbungen an Hals oder Achseln können beispielsweise frühe Warnzeichen sein. Dazu habe ich im Beitrag Fibrome und Acanthosis nigricans ausführlich geschrieben.

Warum Bauchfett und Vitamin-D-Mangel so häufig gemeinsam auftreten

Fettgewebe ist kein passiver Kalorienspeicher. Besonders das Fett im Bauchraum ist stoffwechselaktiv. Es bildet Botenstoffe, beeinflusst Entzündungsprozesse und steht eng mit Insulinresistenz, Fettleber, Bluthochdruck und einem gestörten Fettstoffwechsel in Verbindung.

Gleichzeitig weisen Menschen mit Übergewicht und Adipositas häufiger niedrige 25(OH)D-Werte auf. Eine Metaanalyse fand bei Menschen mit Adipositas eine um 35 Prozent höhere Häufigkeit eines Vitamin-D-Mangels als bei Normalgewichtigen.[2]

Dafür werden mehrere Mechanismen diskutiert:

  • Vitamin D verteilt sich in einem größeren Körpervolumen.
  • Ein Teil wird im Fettgewebe gespeichert und steht dem Blutkreislauf weniger zur Verfügung.
  • Enzyme des Vitamin-D-Stoffwechsels können bei Adipositas verändert sein.
  • Menschen mit eingeschränkter Beweglichkeit oder chronischen Erkrankungen verbringen häufig weniger Zeit im Freien.
  • Entzündung und Leberstoffwechsel können die Verarbeitung von Vitamin D zusätzlich beeinflussen.

Eine große genetische Analyse unterstützt vor allem die Richtung vom Übergewicht zum niedrigen Vitamin-D-Wert: Ein um zehn Prozent höherer genetisch vorhergesagter BMI war mit einem rund 4,2 Prozent niedrigeren 25(OH)D-Spiegel verbunden. Für den umgekehrten Weg – Vitamin-D-Mangel als wesentliche Ursache der Gewichtszunahme – fanden die Forscher erheblich weniger Hinweise.[3]

Mit anderen Worten: Vitamin D allein schmilzt kein Bauchfett weg. Wer das verspricht, verkauft Hoffnung in Tropfenform.

Umgekehrt wäre es fahrlässig, den Mangel deshalb einfach stehen zu lassen.

Ist Vitamin D nur ein Marker – oder selbst am Risiko beteiligt?

Das ist die entscheidende Frage! Die neue ELSA-Studie ist zwar eine Beobachtungsstudie. Und sie beweist nicht, dass die Gabe von Vitamin D das um 123 Prozent erhöhte Risiko wieder auf Normalmaß senkt. Ein niedriger Wert kann teilweise Folge von Übergewicht, Krankheit, Bewegungsmangel oder geringer Sonnenexposition sein. Allerdings steht die Untersuchung nicht allein.

Eine nichtlineare Mendelsche Randomisierungsstudie mit mehr als 307.000 Teilnehmern der UK Biobank fand eine L-förmige Beziehung zwischen genetisch vorhergesagtem Vitamin-D-Status und Sterblichkeit. Das Risiko sank vor allem im ausgeprägten Mangelbereich steil ab und flachte in Richtung 50 nmol/l beziehungsweise 20 ng/ml deutlich ab.[4]

Für Menschen mit 25 nmol/l – das sind 10 ng/ml – wurde gegenüber 50 nmol/l ein um 25 Prozent höheres Gesamtsterberisiko errechnet. Diese genetische Methode ist kein perfekter Kausalitätsbeweis, macht die bequeme Erklärung vom „bloßen Begleitmarker“ aber deutlich weniger überzeugend.

Das Bild passt zudem zu dem, was wir in der Praxis sehen: Im schweren Mangelbereich spielt die Musik. Dort ist der Zusammenhang besonders deutlich. Ob ein Wert von 45 auf 55 ng/ml angehoben werden muss, ist eine völlig andere Frage als die Behandlung eines Patienten mit 8, 10 oder 12 ng/ml.

Warum große Vitamin-D-Studien oft am eigentlichen Problem vorbeigehen

Gern wird auf große Studien verwiesen, in denen Vitamin D Herzinfarkte, Krebs oder Todesfälle nicht überzeugend verhindern konnte. Das bekannteste Beispiel ist die VITAL-Studie.

Der mittlere Vitamin-D-Ausgangswert der untersuchten Teilnehmer lag dort allerdings bei 30,8 ng/ml.[5] Das ist ungefähr der Bereich, den ich in der Praxis bereits als vernünftige Mindestversorgung ansehe.

Man untersucht also überwiegend ordentlich versorgte Menschen, gibt einem Teil zusätzlich Vitamin D und wundert sich anschließend, dass keine Wunder geschehen.

Damit lässt sich die entscheidende Frage nicht beantworten: Was bringt eine gezielte Korrektur bei Menschen mit einem echten Mangel unter 12 ng/ml?

Gerade für schwer mangelversorgte Menschen fehlen weiterhin die großen, langfristigen randomisierten Studien. Das ist eine Forschungslücke. Es ist kein Beweis dafür, dass die Behandlung eines Mangels nutzlos wäre.

Über die merkwürdigen Grenzwertdebatten habe ich bereits in meinem Beitrag Warum 20 ng/ml Vitamin D nicht ausreichen geschrieben.

Was bei Vitamin D unter 12 ng/ml geprüft werden sollte

Ich würde bei einem solchen Befund niemals nur eine Vitamin-D-Dosis aufschreiben und den Rest ignorieren. Der Wert sollte Anlass sein, genauer hinzusehen.

  • 25(OH)D kontrollieren: Gemessen werden sollte die Speicherform 25-Hydroxy-Vitamin D, nicht routinemäßig das aktive 1,25-Dihydroxy-Vitamin D.
  • Bauchumfang erfassen: Er ist in vielen Fällen aussagekräftiger als der BMI allein.
  • Zuckerstoffwechsel prüfen: Nüchternblutzucker, HbA1c, Nüchterninsulin und gegebenenfalls HOMA-IR oder oraler Glukosetoleranztest.
  • Fettstoffwechsel ansehen: Besonders Triglyceride, HDL, LDL, ApoB und gegebenenfalls Lipoprotein(a).
  • Leberwerte kontrollieren: ALT, AST, Gamma-GT und bei entsprechender Konstellation Ultraschall der Leber.
  • Entzündung beachten: hs-CRP und klinische Hinweise auf chronische Entzündungsprozesse.
  • Muskulatur beurteilen: Kraft, Bewegungsumfang, Alltagsleistung und tatsächliche Trainingsbelastung.
  • Begleitwerte einbeziehen: Kalzium, Magnesium, Parathormon und Nierenfunktion gehören je nach Ausgangslage dazu.

Was daraus therapeutisch folgt

Die Konsequenz besteht aus zwei Teilen.

Erstens sollte ein ausgeprägter Vitamin-D-Mangel gezielt und kontrolliert ausgeglichen werden. Die Dosierung richtet sich nach Ausgangswert, Körpergewicht, Begleiterkrankungen, Nierenfunktion und weiteren Laborwerten. Eine Verlaufskontrolle zeigt, ob die gewählte Dosis tatsächlich ankommt.

Zweitens muss das metabolische Umfeld behandelt werden:

  • regelmäßige Bewegung und Krafttraining,
  • Abbau des viszeralen Bauchfetts,
  • Verbesserung der Insulinempfindlichkeit,
  • eine entzündungsarme, naturbelassene Ernährung,
  • ausreichend Eiweiß für den Erhalt der Muskulatur,
  • vernünftige Sonnenexposition ohne Sonnenbrand,
  • guter Schlaf und ein stabiler Tag-Nacht-Rhythmus.

Vitamin D gegen Bauchfett auszuspielen ergibt keinen Sinn. Beides gehört zusammen. Die Kapsel ersetzt weder Bewegung noch Stoffwechseltherapie. Bewegung und Gewichtsabnahme wiederum machen die Korrektur eines schweren Mangels nicht überflüssig.

Mein Fazit

Die neue Studie zeigt, dass ein solcher Mangel zusammen mit abdominaler Adipositas eine besonders ungünstige Konstellation bildet. Das Sterberisiko war mehr als doppelt so hoch wie bei Menschen ohne Bauchfett und mit besserem Vitamin-D-Status.

Ein niedriger Vitamin-D-Wert kann Warnleuchte und Teil des Problems zugleich sein. Die Warnleuchte auszutauschen repariert nicht den gesamten Motor. Sie einfach weiterleuchten zu lassen, wäre allerdings eine recht merkwürdige Form von evidenzbasierter Medizin.

Der Körper trennt Bauchfett, Insulinresistenz, Muskelabbau, Entzündung und Vitamin D schließlich nicht in verschiedene Facharztbudgets. Er reagiert als Ganzes.

Quellen und Studien

  1. Milliati JS et al.: Does the Combination of Abdominal Obesity and Vitamin D Deficiency Increase the Risk of Death in Individuals Aged 50 or Older? Evidence From the ELSA Study. Diabetes, Obesity and Metabolism, 2026.
    https://doi.org/10.1111/dom.70839
  2. Pereira-Santos M et al.: Obesity and vitamin D deficiency: a systematic review and meta-analysis. Obesity Reviews, 2015;16:341–349.
    https://doi.org/10.1111/obr.12239
  3. Vimaleswaran KS et al.: Causal Relationship between Obesity and Vitamin D Status: Bi-Directional Mendelian Randomization Analysis of Multiple Cohorts. PLOS Medicine, 2013.
    https://doi.org/10.1371/journal.pmed.1001383
  4. Sutherland JP, Zhou A, Hyppönen E: Vitamin D Deficiency Increases Mortality Risk in the UK Biobank: A Nonlinear Mendelian Randomization Study. Annals of Internal Medicine, 2022;175:1552–1559.
    https://doi.org/10.7326/M21-3324
  5. Manson JE et al.: Vitamin D Supplements and Prevention of Cancer and Cardiovascular Disease. New England Journal of Medicine, 2019;380:33–44.
    https://doi.org/10.1056/NEJMoa1809944

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