Zink gegen Erkältung: Was Lutschpastillen bringen und wann Tabletten sinnvoll sind
Zinkmangel und Erkältungsbehandlung sind verschiedene Fragen
Zink wird für die normale Funktion des Immunsystems benötigt. Ein Mangel kann die Abwehr beeinträchtigen. Daraus folgt aber noch nicht, dass zusätzliche Mengen bei jedem ausreichend versorgten Menschen Erkältungen verhindern.
Ebenso wenig beweist ein verkürzter Schnupfen durch Lutschpastillen, dass eine täglich geschluckte Zinktablette denselben Effekt hat. Wer diese Fragen vermischt, landet schnell bei einer Einnahmeempfehlung, die von der herangezogenen Studie gar nicht geprüft wurde.
Was die größere Studienauswertung zeigt
Der Cochrane-Review von 2024 umfasste 34 Studien mit insgesamt 8.526 Teilnehmern. Für die Dauer bestehender Erkältungen konnten acht Studien mit 972 Teilnehmern zusammengefasst werden. Im Mittel waren die Erkrankungen unter Zink rund 2,4 Tage kürzer. Die Autoren bewerteten die Sicherheit dieses Ergebnisses allerdings als gering; die Einzelstudien unterschieden sich stark.
Für die Vorbeugung fand die Auswertung keinen überzeugenden allgemeinen Schutz. Auch eine deutlich geringere Symptomstärke ist nicht zuverlässig belegt. Unangenehmer Geschmack und Magenbeschwerden traten bei der Behandlung häufiger auf. [1]
Zwei Tage weniger krank zu sein wäre durchaus interessant. Als persönliche Erfolgsgarantie lässt sich dieser Mittelwert jedoch nicht verwenden.
Warum die Lutschpastille einen Unterschied machen könnte
Harri Hemilä und Elizabeth Chalker kritisierten die Cochrane-Auswertung in einem eigenen Fachbeitrag. Ihr Einwand: Unterschiedliche Darreichungsformen und Zusammensetzungen werden zusammengefasst, obwohl sie nicht dieselbe Wirkung erwarten lassen. Die Autoren verweisen auf sieben Studien mit Zinkacetat- oder Zinkgluconat-Lutschpastillen und mehr als 75 mg elementarem Zink täglich; dort betrug die durchschnittliche Verkürzung etwa 33 Prozent. [2]
Die langsame Auflösung ermöglicht einen längeren Kontakt mit Mund und Rachen. Eine lokale Wirkung ist eine mögliche Erklärung. Wie viel freies Zink verfügbar bleibt, kann außerdem von der gesamten Rezeptur abhängen. Das ist eine plausible Begründung für unterschiedliche Studienergebnisse, aber noch keine gesicherte Erklärung aller Effekte.
Diese Kritik ist die fachliche Position der Autoren. Sie macht aus der widersprüchlichen Studienlage keine abgeschlossene Diskussion.
Wann sollte man mit den Lutschpastillen beginnen?
In den Studien mit günstigen Ergebnissen begann die Einnahme häufig innerhalb der ersten 24 Stunden nach Auftreten der Beschwerden. Auch die aktuelle Daily-Mail-Meldung betont diesen frühen Beginn. [5] Wer erst nach mehreren Krankheitstagen anfängt, kann deshalb nicht ohne Weiteres denselben Nutzen erwarten.
Zinkcitrat ist nicht generell ungeeignet
Zinkcitrat oder Zinkglycinat pauschal als ungeeignet abzuwerten, geht zu weit. Für geschlucktes Zinkcitrat beschreibt das NIH eine Aufnahme, die der von Zinkgluconat vergleichbar ist. [3]
Die Aufnahme aus dem Darm und die Freisetzung freier Zinkionen in einer Lutschpastille müssen getrennt betrachtet werden. Ein Präparat kann zur Zinkversorgung geeignet sein, ohne dass für dieses konkrete Produkt eine Verkürzung von Erkältungen nachgewiesen wurde.
Welche Dosierung wurde untersucht?
Die in manchen Lutschpastillenstudien verwendeten Mengen von mehr als 75 mg täglich liegen deutlich über einer gewöhnlichen Nahrungsergänzung. Gemeint ist jeweils die Menge an elementarem Zink, nicht das Gewicht der gesamten Verbindung. [2,3]
Solche Studiendosen sind keine Empfehlung für eine monatelange Einnahme. Eine dauerhafte Einnahme von 75 mg täglich zur allgemeinen Infektvorbeugung lässt sich damit nicht begründen.
Hohe Zinkmengen können Übelkeit verursachen und bei längerer Einnahme die Kupferversorgung beeinträchtigen. Auch Wechselwirkungen mit bestimmten Antibiotika sind möglich. [3] Bei therapeutischen Dosierungen müssen daher Anlass, Dauer, Begleitmedikation und individuelle Situation berücksichtigt werden. Eine für alle passende „Erkältungsdosis“ lässt sich aus den vorliegenden Ergebnissen nicht ableiten.
Und die Forschung über „ausgehungerte“ Bakterien?
Eine ältere Laborarbeit untersuchte den Metalltransport bei Streptococcus pneumoniae. Das Bindungsprotein PsaA kann Mangan aufnehmen und weitergeben; Zink bleibt dagegen fest gebunden. Die Konkurrenz zwischen den Metallen liefert einen interessanten Ansatz für die Infektionsforschung. [4]
Das ist Grundlagenforschung. Sie belegt keine Behandlung einer Lungenentzündung durch Zinktabletten und keinen Ersatz für notwendige Antibiotika. Über Nutzen und mögliche Probleme dieser Medikamente lesen Sie mehr in meinem Beitrag Der Fluch der Antibiotika.
Fazit
Zink verdient mehr Aufmerksamkeit als einen beliebigen Werbesatz zur „Stärkung der Abwehr“. Wer einen Mangel hat, braucht eine angemessene Versorgung. Bei einer akuten Erkältung können bestimmte Lutschpastillen interessant sein; dafür sprechen klinische Ergebnisse, deren Größenordnung und Übertragbarkeit noch diskutiert werden.
Ich würde deshalb weder jedes Zinkpräparat zum Erkältungsmittel erklären noch die gesamte Forschung als wirkungslos abtun. Entscheidend sind das konkrete Ziel und die konkrete Zubereitung. Vorbeugung, Mangelbehandlung und kurzfristige Erkältungsbehandlung gehören nicht in dieselbe Dosierungsempfehlung.
Eine ähnliche Unterscheidung ist bei Vitamin D nötig. Mehr dazu lesen Sie in meinem Beitrag Vitamin D gegen Erkältungen: Was wirklich an dem Schutzversprechen dran ist.
Quellen die ich mir angesehen habe
- Nault D et al. Zinc for prevention and treatment of the common cold. Cochrane 2024. Studienauswertung.
- Hemilä H, Chalker E. Shortcomings in the Cochrane review on zinc for the common cold (2024). Fachlicher Meinungsbeitrag. Methodische Kritik.
- NIH Office of Dietary Supplements. Zinc – Health Professional Fact Sheet. Fachinformationen zu Zink.
- Couñago RM et al. Imperfect coordination chemistry facilitates metal ion release in the Psa permease. Nature Chemical Biology 2014; online 2013. Originalarbeit zum bakteriellen Metalltransport.
- Anlass der Überarbeitung: Daily Mail, 8. Oktober 2026. Bericht über Zink-Lutschpastillen und Erkältungsdauer.
Den Beitrag habe ich erstmals 2016 veröffentlicht und am 10. Oktober 2026 ausführlich überarbeitet.
Rene Gräber:
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