
Bor: Wirkung, Mangel, Lebensmittel und Dosierung
Bor gehört zu den Spurenelementen, über die erstaunlich wenig gesprochen wird. Das ist insofern bemerkenswert, als wir Bor praktisch täglich mit der Nahrung aufnehmen und der Stoff im menschlichen Organismus keineswegs einfach wirkungslos wieder verschwindet. Untersuchungen weisen auf Zusammenhänge mit dem Mineralstoff- und Knochenstoffwechsel, Vitamin D, Magnesium, Steroidhormonen und möglicherweise auch bestimmten Funktionen des Gehirns hin.
Trotzdem gilt Bor beim Menschen bis heute offiziell nicht als essenzieller Nährstoff. Es gibt weder eine verbindliche Zufuhrempfehlung wie bei Magnesium oder Zink noch eine allgemein anerkannte Bormangelerkrankung.
Gelegentlich wird daraus der Schluss gezogen, Bor spiele für die menschliche Gesundheit keine besondere Rolle. Diese Schlussfolgerung halte ich für vorschnell. „Nicht als essenziell anerkannt“ bedeutet zunächst lediglich, dass bislang keine unverzichtbare Einzelfunktion und kein eindeutig definiertes Mangelsyndrom nachgewiesen wurden. Es bedeutet nicht, dass Bor im menschlichen Stoffwechsel bedeutungslos wäre.
Genau deshalb lohnt sich ein genauerer Blick.
Das Wichtigste über Bor in Kürze
- Bor ist ein natürlich vorkommendes Spurenelement und vor allem in pflanzlichen Lebensmitteln enthalten.
- Für Pflanzen ist Bor eindeutig lebensnotwendig. Beim Menschen ist die Essenzialität bislang nicht offiziell anerkannt.
- Erwachsene nehmen über die Nahrung typischerweise ungefähr 1 bis 1,5 mg Bor täglich auf, wobei die tatsächliche Menge erheblich schwanken kann.
- Besonders interessant ist Bor im Zusammenhang mit Knochen- und Mineralstoffwechsel, Magnesium, Calcium und Vitamin D.
- Auch Zusammenhänge mit Steroidhormonen, Gelenken und bestimmten Gehirnfunktionen werden untersucht.
- Einen medizinisch eindeutig definierten „Bor-Mangel“ mit charakteristischen Symptomen gibt es bislang nicht.
- Humanstudien sind vorhanden, aber häufig klein. Gerade bei Arthrose und Hormonen gibt es interessante Signale, aber keinen Grund für überzogene Versprechen.
- Bor ist nicht dasselbe wie Borax. Von selbst zusammengemischten Boraxlösungen aus Haushalts- oder Chemikalienprodukten halte ich nichts.
Was ist Bor überhaupt?
Bor trägt das chemische Symbol B und die Ordnungszahl 5. Chemisch wird es meist den Halbmetallen beziehungsweise Metalloiden zugerechnet. In der Natur findet man elementares Bor praktisch nicht frei, sondern überwiegend in sauerstoffhaltigen Verbindungen, den sogenannten Boraten.
Für Pflanzen ist Bor essenziell. Es spielt unter anderem bei der Stabilität der Zellwände, beim Wachstum und bei Fortpflanzungsprozessen eine Rolle. Das erklärt auch, weshalb wir Bor vor allem über pflanzliche Lebensmittel aufnehmen.
Nach der Aufnahme über den Verdauungstrakt werden verschiedene Borverbindungen überwiegend zu Borsäure umgewandelt. Ein großer Teil wird resorbiert. Ausgeschieden wird Bor hauptsächlich über die Nieren.
Interessant ist außerdem, dass Knochen, Haare und Nägel höhere Borkonzentrationen aufweisen als viele andere Gewebe. Daraus lässt sich allein zwar noch keine therapeutische Bedeutung ableiten, es passt aber zu den zahlreichen Beobachtungen zum Mineralstoff- und Knochenstoffwechsel.
Wer sich grundsätzlich mit Mineralstoffen und Spurenelementen beschäftigen möchte, findet dazu auch meinen Überblick Mineralstoffe – Wirkung, Mangel und Empfehlungen aus der Praxis.
Bor und Borax sind nicht dasselbe
An dieser Stelle müssen zwei Begriffe sauber getrennt werden, denn genau hier beginnt im Internet regelmäßig das Durcheinander.
Bor ist das chemische Element beziehungsweise das Spurenelement, über das wir hier sprechen. Borax ist dagegen eine konkrete Borverbindung, meist Dinatriumtetraborat-Decahydrat. Ein Milligramm Bor und ein Milligramm Borax sind daher selbstverständlich nicht dasselbe.
Das ist insbesondere bei Dosierungsangaben wichtig. Wer Angaben zu „Bor“ und „Borax“ einfach übernimmt oder miteinander verrechnet, ohne die tatsächlich enthaltene Menge an elementarem Bor zu berücksichtigen, kann beträchtlich danebenliegen.
Borax besitzt außerdem eine eigene und durchaus bemerkenswerte Geschichte in der Naturheilkunde. Dazu gehören der australische Pflanzenforscher Rex Newnham, frühe Untersuchungen bei Arthrose, die spätere Diskussion um die sogenannte „Borax-Verschwörung“ sowie die regulatorische Einstufung bestimmter Borverbindungen.
Diese Geschichte habe ich bereits ausführlich untersucht. Wer sich speziell dafür interessiert, sollte meinen Beitrag Borax und Bor: Wirkung, Dosierung und Risiken lesen. Dort gehe ich auch der Frage nach, was an der viel zitierten „Borax-Verschwörung“ tatsächlich belegbar ist – und wo aus einer interessanten Geschichte eine erheblich größere Behauptung geworden ist.
Auf Vitalstoffmedizin.com soll es dagegen vor allem um Bor als Bestandteil unserer Ernährung und um seine mögliche Bedeutung für den menschlichen Stoffwechsel gehen.
Welche Wirkung hat Bor im Körper?
Genau an dieser Frage scheiden sich die Geister. Die einen behandeln Bor beinahe so, als habe es überhaupt keine ernährungsphysiologische Bedeutung. Andere machen daraus einen Universalstoff für Knochen, Gelenke, Hormone, Gehirn, Schilddrüse, Candida, Krebs und noch ein halbes Dutzend anderer Erkrankungen.
Beides überzeugt mich nicht.
Die bisherigen Untersuchungen sprechen dafür, dass Bor biologisch aktiv ist und verschiedene Stoffwechselprozesse beeinflussen kann. Was daraus klinisch folgt, ist je nach Anwendungsgebiet allerdings höchst unterschiedlich gut untersucht.
Bor, Knochen, Calcium und Magnesium
Am interessantesten erscheint Bor meines Erachtens im Zusammenhang mit dem Knochen- und Mineralstoffwechsel.
In Stoffwechselversuchen mit sehr niedriger Borzufuhr zeigten sich Veränderungen bei Calcium und Magnesium sowie bei verschiedenen Parametern des Knochenstoffwechsels. In einer häufig zitierten Untersuchung erhielten Frauen nach der Menopause nach einer Phase mit sehr niedriger Boraufnahme zusätzlich 3 mg Bor täglich. Dabei veränderten sich unter anderem die Ausscheidung von Calcium und Magnesium sowie verschiedene hormonelle Parameter.
Das ist interessant. Es ist aber kein Beweis dafür, dass Bor Osteoporose verhindert oder behandelt. Die entsprechenden Untersuchungen waren klein, und gerade beim Knochenstoffwechsel wäre es reichlich naiv, einen einzelnen Stoff zum entscheidenden Faktor zu erklären.
Knochen sind kein Kalkgerüst, das man lediglich mit ausreichend Calcium auffüllen muss. Entscheidend ist das Zusammenspiel verschiedener Nährstoffe, Hormone, Bewegung und Belastung. Deshalb habe ich in anderen Beiträgen ausführlich beschrieben, warum Magnesium, Calcium, Vitamin K und Vitamin D gemeinsam betrachtet werden müssen.
Lesenswert ist in diesem Zusammenhang auch mein Beitrag Magnesium gegen Calcium: Über das richtige Verhältnis.
Bor und Vitamin D
Auch zwischen Bor und Vitamin D bestehen interessante Zusammenhänge. In Stoffwechselstudien mit sehr niedriger Boraufnahme veränderten sich unter anderem Parameter des Vitamin-D-, Calcium- und Knochenstoffwechsels.
Daraus wird im Internet gelegentlich die Behauptung gemacht, Bor „erhöhe Vitamin D“. So würde ich das nicht formulieren. Die Daten sprechen eher dafür, dass Bor an regulatorischen Vorgängen beteiligt sein könnte, die wiederum den Vitamin-D- und Mineralstoffwechsel beeinflussen.
Das ist ein wesentlicher Unterschied.
Vitamin D, Magnesium, Calcium, Vitamin K, Eiweiß, Bewegung und Hormonstatus bilden ein Netzwerk. Einen einzelnen Stoff herauszugreifen und zum „entscheidenden Vitalstoff“ zu erklären, funktioniert biologisch selten besonders gut. Genau dieses Zusammenspiel von Vitamin D und Magnesium habe ich an anderer Stelle ausführlicher beschrieben.
Und genau solche Zusammenhänge sind der Grund, weshalb ich Vitalstoffe ungern nach dem Prinzip „eine Kapsel – eine Wirkung“ betrachte. Spannend wird es dort, wo mehrere Stoffwechselwege ineinandergreifen und man versteht, weshalb ein einzelner Laborwert oft nur ein Teil des Bildes ist.
Wenn Sie sich für solche Zusammenhänge interessieren, dann fordern Sie meinen Praxis-Newsletter mit den „5 Wundermitteln“ an. Darin geht es um Vitalstoffe und naturheilkundliche Möglichkeiten, die in der üblichen Gesundheitsberichterstattung häufig nur am Rand vorkommen:
Kleine Anmerkung: Die Sache mit den „5 Wundermitteln“ ist mit Abstand einer der beliebtesten Newsletter bei meinen Patienten und Lesern.
Bor bei Arthrose und Gelenkbeschwerden
Das Thema Arthrose ist eng mit der Geschichte von Bor und Borax verbunden. Der bereits erwähnte Rex Newnham berichtete über auffällige Zusammenhänge zwischen Boraufnahme und Gelenkbeschwerden und führte später kleinere Untersuchungen durch.
Jenseits dieser historischen Geschichte gibt es tatsächlich einige Humanstudien. In einer kleinen Pilotstudie erhielten Menschen mit Arthrose über mehrere Wochen entweder Bor oder ein Placebo. In der Borgruppe berichtete ein größerer Anteil über eine Verbesserung der Beschwerden. Weitere Untersuchungen wurden mit Calciumfructoborat durchgeführt und fanden teilweise Veränderungen bei Entzündungsmarkern oder Kniebeschwerden.
Das ist ein Signal, das man nicht einfach wegwischen sollte.
Man sollte aber auch nicht mehr daraus machen, als vorhanden ist. Die Untersuchungen waren klein, teilweise kurz und methodisch nicht mit großen modernen Arzneimittelstudien vergleichbar. Eine überzeugende große klinische Studie zur Behandlung der Arthrose mit Bor fehlt bis heute.
Die Behauptung „Bor heilt Arthrose“ ist deshalb nicht belegt.
Ebenso wenig gefällt mir allerdings die umgekehrte Haltung, nach der bei Bor und Gelenken überhaupt nichts Interessantes vorhanden sei. Zwischen „bewiesen“ und „wirkungslos“ liegt in der Medizin ein ziemlich großer Bereich. Und genau dort befindet sich Bor derzeit.
Die Hintergründe zu Rex Newnham und der sogenannten Borax-Verschwörung bespreche ich ausführlicher in meinem bereits genannten Borax-Beitrag auf Naturheilt.com.
Bor und Hormone bei Frauen
Gerade die mögliche Wirkung von Bor auf Hormone wird häufig gesucht. Dafür gibt es tatsächlich einen wissenschaftlichen Hintergrund.
In einer älteren Stoffwechselstudie an Frauen nach den Wechseljahren führte eine Ergänzung mit 3 mg Bor täglich nach vorausgegangener niedriger Borzufuhr zu Veränderungen bei Östradiol und Testosteron. Interessant war außerdem, dass einige Auswirkungen in Abhängigkeit von der Magnesiumversorgung unterschiedlich ausfielen.
Das ist physiologisch spannend. Für eine allgemeine „Bor-Hormontherapie“ reicht eine solche Untersuchung jedoch bei weitem nicht aus.
Vor allem Beschwerden während der Wechseljahre können zahlreiche Ursachen haben. Hormonstatus, Ernährung, Schlaf, Stress, Schilddrüse, Vitamin-D-Versorgung, Bewegung und andere Faktoren spielen mit hinein. Einen einzelnen Spurennährstoff zum hormonellen Generalschlüssel zu erklären, wäre unseriös.
Bor und Testosteron bei Männern
Kaum ein Spurenelement schafft es heute ins Internet, ohne irgendwann zum „Testosteron-Booster“ erklärt zu werden. Bor bildet da keine Ausnahme.
Besonders häufig wird eine sehr kleine Untersuchung aus dem Jahr 2011 zitiert. Acht gesunde Männer erhielten sieben Tage lang 10 mg Bor täglich. Danach war das freie Testosteron im Durchschnitt erhöht, während sich auch andere hormonelle Parameter veränderten.
Acht Männer. Sieben Tage.
Das ist interessant für die Forschung. Es ist aber eine ausgesprochen dünne Grundlage für Werbeaussagen, nach denen Bor zuverlässig den Testosteronspiegel steigere.
Dazu passt, dass eine andere kontrollierte Untersuchung bei Bodybuildern mit 2,5 mg Bor täglich über sieben Wochen keinen zusätzlichen Effekt auf freies oder gesamtes Testosteron, Muskelmasse oder Kraft feststellen konnte.
Wer Bor ausschließlich einnimmt, um sein Testosteron zu steigern, baut daher auf einer ziemlich schmalen Datenbasis.
Bor, Gehirn und Psyche
Auch Suchanfragen wie „Bor Wirkung Psyche“ oder „Bor Wirkung Gehirn“ sind keineswegs vollständig aus der Luft gegriffen.
Unter experimentell sehr borarmer Ernährung wurden Veränderungen bestimmter kognitiver Leistungen beschrieben. Dazu gehörten unter anderem Aufmerksamkeit, Reaktionsgeschwindigkeit und bestimmte exekutive Funktionen.
Das macht Bor aus meiner Sicht durchaus interessant für die Grundlagenforschung zum Gehirn. Damit ist allerdings weder eine psychiatrische Wirkung noch eine Behandlung von Depressionen, Angststörungen oder anderen psychischen Erkrankungen belegt.
Die sachlichere Aussage lautet: Eine ausreichende Borversorgung könnte für bestimmte neurologische Funktionen von Bedeutung sein. Wie groß diese Bedeutung bei Menschen mit normaler Ernährung tatsächlich ist, wissen wir bisher nicht.
Bor für Schilddrüse, Darm, Haare und Schlaf?
Auch diese Kombinationen werden erstaunlich häufig gesucht. Gerade deshalb sollte man sie beantworten – allerdings nicht dadurch, dass man für jede Suchanfrage eine Wirkung erfindet.
Für eine gezielte Bor-Supplementierung bei Schilddrüsenerkrankungen, Schlafstörungen, Haarausfall oder Darmbeschwerden fehlen derzeit überzeugende klinische Humanstudien.
Das bedeutet nicht, dass Bor auf keinerlei Stoffwechselweg Einfluss besitzt, der mit diesen Bereichen zusammenhängt. Der menschliche Stoffwechsel besteht schließlich nicht aus sauber voneinander getrennten Schubladen. Für konkrete therapeutische Aussagen reicht die Datenlage aber nicht.
Ein möglicher Mechanismus ist noch lange keine bewiesene Behandlung. Dieser Unterschied wird bei Nahrungsergänzungsmitteln leider erstaunlich häufig vergessen.
Gibt es einen Bor-Mangel?
Einen eindeutig definierten Bormangel beim Menschen gibt es bislang nicht. Deshalb existiert auch keine medizinisch anerkannte Liste typischer „Bor-Mangel-Symptome“.
Unter experimentell sehr niedriger Borzufuhr wurden allerdings verschiedene Veränderungen beobachtet. Dazu gehören Auffälligkeiten des Mineralstoff- und Knochenstoffwechsels, Veränderungen bei hormonellen Parametern sowie Hinweise auf Beeinträchtigungen bestimmter geistiger Leistungen.
Diese Versuchssituationen darf man aber nicht einfach mit einer klinischen Mangelerkrankung gleichsetzen.
Ebenso wenig gibt es derzeit einen allgemein anerkannten Blutwert, anhand dessen in der Praxis zuverlässig ein „Bormangel“ diagnostiziert werden könnte. Bor wird im normalen Labor ohnehin kaum bestimmt. Urinwerte können etwas über die Aufnahme aussagen, daraus ergibt sich jedoch noch kein etablierter therapeutischer Zielbereich.
Wenn daher jemand anhand unspezifischer Beschwerden wie Müdigkeit, schlechter Schlaf, Stimmungsschwankungen oder Gelenkschmerzen zweifelsfrei einen Bormangel diagnostiziert, wäre etwas Skepsis angebracht.
Bor in Lebensmitteln: Wo ist besonders viel enthalten?
Wer abwechslungsreich und pflanzenreich isst, nimmt automatisch Bor auf. Besonders gute Quellen sind Obst, Trockenfrüchte, Avocados, Hülsenfrüchte und Nüsse.
Bei Bor gibt es allerdings eine Besonderheit: Der tatsächliche Gehalt eines Lebensmittels kann je nach Boden, Wasser, Sorte und Anbaugebiet erheblich schwanken. Eine Tabelle kann deshalb immer nur Größenordnungen angeben.
| Lebensmittel | Bor pro üblicher Portion |
|---|---|
| Pflaumensaft, ca. 240 ml | ca. 1,43 mg |
| Avocado, ½ Tasse | ca. 1,07 mg |
| Rosinen, ca. 43 g | ca. 0,95 mg |
| Pfirsich, mittelgroß | ca. 0,80 mg |
| Traubensaft, ca. 240 ml | ca. 0,76 mg |
| Apfel, mittelgroß | ca. 0,66 mg |
| Birne, mittelgroß | ca. 0,50 mg |
| Erdnüsse, ca. 28 g | ca. 0,48 mg |
| Erdnussbutter, 2 Esslöffel | ca. 0,46 mg |
| Weintrauben, ½ Tasse | ca. 0,37 mg |
| Orange, mittelgroß | ca. 0,37 mg |
| Brokkoli, gekocht, ½ Tasse | ca. 0,20 mg |
Die Zahlen sollten nicht dazu verleiten, Lebensmittel auf die Nachkommastelle auszurechnen. Dafür schwanken die natürlichen Gehalte zu stark. Sie zeigen aber sehr schön, dass man keine exotischen Produkte benötigt. Ein Apfel, Avocado, Nüsse, Hülsenfrüchte und anderes Obst und Gemüse liefern bereits relevante Mengen.
Wie viel Bor nehmen wir täglich auf?
Für Bor existiert weder in Deutschland noch in den USA eine klassische Zufuhrempfehlung wie bei Vitamin C, Magnesium oder Zink.
Untersuchungen zur Ernährung ergeben bei Erwachsenen häufig eine durchschnittliche Aufnahme in einer Größenordnung von ungefähr 1 bis 1,5 mg Bor pro Tag. Menschen, die viele pflanzliche Lebensmittel essen, können deutlich darüber liegen.
Die WHO hat in der Vergangenheit einen Bereich von etwa 1 bis 13 mg Bor täglich als akzeptable Aufnahme für Erwachsene diskutiert. Daraus sollte man allerdings keinesfalls einen „optimalen Borbereich“ ableiten.
Ein tolerierbarer oder akzeptabler Aufnahmebereich ist keine Dosierungsempfehlung.
Bor supplementieren: 0,5 mg, 3 mg oder 10 mg?
Bei den Dosierungen wird es interessant, denn hier begegnet man Zahlen, die auf den ersten Blick kaum zusammenpassen.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat für Nahrungsergänzungsmittel eine maximale zusätzliche Menge von 0,5 mg Bor pro Tagesdosis vorgeschlagen. Gleichzeitig liegt der europäische tolerierbare obere Aufnahmewert für Erwachsene deutlich höher.
Wer daraus schließt, 0,6 oder 1 mg Bor seien bereits gefährlich, missversteht die Berechnung.
Die BfR-Empfehlung von 0,5 mg ist keine toxikologische Schwelle, an der Bor plötzlich gesundheitsschädlich wird. Es handelt sich um einen vorsorglich abgeleiteten Höchstmengenvorschlag für Nahrungsergänzungsmittel. Dabei wird berücksichtigt, dass Bor zusätzlich über Lebensmittel, Trinkwasser und andere Quellen aufgenommen wird und dass zwischen einer durchschnittlichen Aufnahme und einer Sicherheitsgrenze ausreichend Abstand verbleiben soll.
Umgekehrt bedeutet ein tolerierbarer oberer Aufnahmewert selbstverständlich nicht, dass jeder diese Menge täglich einnehmen sollte.
Ein Sicherheitsgrenzwert ist keine therapeutische Dosierung. Eine Produkthöchstmenge ist keine Aussage über die optimale Versorgung. Und eine in einer Studie verwendete Dosis ist noch lange keine allgemeine Einnahmeempfehlung.
Diese drei Dinge werden bei Bor im Internet erstaunlich konsequent miteinander vermischt.
Welche Bor-Dosierung wurde in Studien verwendet?
Viele der interessanteren Humanstudien verwendeten Bor-Mengen in einer Größenordnung von ungefähr 1,5 bis 6 mg täglich. Einzelne hormonelle Untersuchungen arbeiteten auch mit 10 mg pro Tag.
Das zeigt zunächst nur, in welchem Bereich geforscht wurde. Es beweist weder, dass jeder Mensch solche Mengen benötigt, noch dass eine langfristige Einnahme sinnvoll ist.
Aus meiner Sicht sollte bei Bor deshalb derselbe Grundsatz gelten wie bei anderen Vitalstoffen: Zunächst Ernährung und Gesamtsituation betrachten. Dann überlegen, ob eine Ergänzung überhaupt einen nachvollziehbaren Zweck besitzt.
Und wenn ergänzt wird, würde ich ein eindeutig deklariertes Nahrungsergänzungsmittel bevorzugen, bei dem die Menge an elementarem Bor klar angegeben ist. Mit selbst angerührten Lösungen aus Haushaltsborax oder irgendwelchen Pulvern unbekannter Reinheit hat das nichts zu tun.
Welche Bor-Verbindungen gibt es in Nahrungsergänzungsmitteln?
In Nahrungsergänzungsmitteln findet man Bor unter anderem als Borcitrat, Boraspartat, Borsäure oder in verschiedenen Komplexverbindungen. Daneben wird Calciumfructoborat angeboten, eine Verbindung, die strukturell an in Pflanzen vorkommende Bor-Komplexe angelehnt ist.
Die entscheidende Angabe auf einem Präparat ist für mich weniger das möglichst exotische Molekül auf der Vorderseite der Verpackung als die sauber deklarierte Menge an tatsächlich enthaltenem elementarem Bor.
Wer beispielsweise „3 mg Bor“ einnehmen möchte, sollte wissen, ob damit tatsächlich 3 mg elementares Bor gemeint sind. Genau hier liegt auch einer der Gründe, weshalb Dosierungsangaben zu Borax aus Internetforen nicht einfach auf Nahrungsergänzungsmittel übertragen werden können.
Bor zusammen mit Magnesium einnehmen?
Bor und Magnesium werden häufig gemeinsam genannt. Physiologisch ist das durchaus nachvollziehbar, weil beide Stoffe in Untersuchungen mit dem Calcium- und Knochenstoffwechsel interagieren.
Interessant war in älteren Stoffwechselstudien zudem, dass einige Reaktionen auf Bor je nach Magnesiumversorgung unterschiedlich ausgeprägt waren.
Daraus folgt allerdings nicht, dass Bor und Magnesium zwingend gleichzeitig oder zu einer bestimmten Tageszeit eingenommen werden müssen. Entscheidend ist zunächst, ob die Magnesiumversorgung insgesamt stimmt.
Das ist ein Punkt, der in der Vitalstoffmedizin grundsätzlich häufig unterschätzt wird: Wer einzelne Spurenelemente optimiert und gleichzeitig einen deutlichen Magnesiummangel oder eine schlechte Vitamin-D-Versorgung übersieht, kümmert sich womöglich hingebungsvoll um die zweite Nachkommastelle, während vorne die ganze Zahl nicht stimmt.
Wann sollte man Bor einnehmen – morgens oder abends?
Für eine besondere Tageszeit gibt es keine überzeugenden wissenschaftlichen Gründe. Bor muss nach derzeitigem Wissen weder zwingend morgens noch abends eingenommen werden.
Wenn ein Präparat verwendet wird, ist eine regelmäßige Einnahme wichtiger als die Uhrzeit. Bei empfindlichem Magen kann es sinnvoll sein, Nahrungsergänzungsmittel zu einer Mahlzeit einzunehmen.
Behauptungen, nach denen Bor morgens gezielt Testosteron steigere oder abends den Schlaf verbessere, sind wissenschaftlich nicht überzeugend belegt.
Bor Nebenwirkungen: Kann Bor giftig sein?
Natürlich kann es das.
Dass Bor ein natürlicher Bestandteil unserer Nahrung ist, macht hohe Dosierungen nicht automatisch harmlos. Das gilt übrigens für fast jeden Vitalstoff.
Bei sehr hoher Aufnahme von Borverbindungen wurden unter anderem Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Hautreaktionen, neurologische Beschwerden und Nierenschäden beschrieben.
Ein wesentlicher Grund für die Festlegung von Sicherheitsgrenzen sind außerdem Befunde zur Reproduktions- und Entwicklungstoxizität bei hohen Dosierungen, insbesondere aus Tierexperimenten.
Besondere Zurückhaltung halte ich deshalb bei Kindern und Jugendlichen, während Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei eingeschränkter Nierenfunktion für sinnvoll.
Bei Nierenerkrankungen kommt hinzu, dass Bor hauptsächlich über die Nieren ausgeschieden wird. Wer eine eingeschränkte Nierenfunktion hat, sollte nicht auf eigene Faust mit höheren Bor-Dosierungen experimentieren.
Ist Bor krebserregend?
Auch diese Frage taucht häufig auf, wahrscheinlich weil Verbraucher über die Gefahrenkennzeichnung bestimmter Borverbindungen stolpern.
Hier muss man sehr genau unterscheiden. Bei Borax und Borsäure spielen regulatorisch vor allem mögliche Auswirkungen auf Fortpflanzung und Entwicklung bei entsprechend hohen Expositionen eine Rolle. Daraus sollte man nicht kurzerhand die Behauptung machen, normale Mengen an Bor aus Lebensmitteln seien „krebserregend“.
Umgekehrt sind Behauptungen, Bor sei ein Mittel gegen Krebs, ebenfalls nicht durch solide klinische Studien gedeckt. Zwar gibt es interessante Labor-, Tier- und Beobachtungsdaten zu bestimmten Borverbindungen und verschiedenen biologischen Mechanismen. Von einer nachgewiesenen Krebstherapie sind wir damit jedoch weit entfernt.
Auch hier gilt: Interessante Forschung ist interessant. Sie wird nicht dadurch besser, dass man mehr verspricht, als die Daten hergeben.
Und was ist nun mit der „Borax-Verschwörung“?
Wer nach Bor sucht, stößt fast zwangsläufig irgendwann auf die Geschichte von Rex Newnham und die sogenannte „Borax-Verschwörung“.
Vereinfacht lautet die Erzählung, ein extrem preiswertes Mittel gegen Arthrose sei der Pharmaindustrie gefährlich geworden und deshalb regulatorisch aus dem Verkehr gezogen worden.
Ich habe mir diese Geschichte ausführlicher angesehen.
Es gibt tatsächlich eine bemerkenswerte frühe Arthrosestudie. Es gibt nachvollziehbare Fragen dazu, weshalb Bor bei Gelenkerkrankungen anschließend nicht wesentlich größer untersucht wurde. Und natürlich stimmt auch die banale ökonomische Feststellung, dass eine billige, nicht patentierbare Substanz für millionenschwere klinische Entwicklungsprogramme wirtschaftlich weniger attraktiv ist als ein patentgeschützter Wirkstoff.
Das ist allerdings noch keine Beweiskette dafür, dass die Pharmaindustrie gezielt eine erfolgreiche Boraxtherapie beseitigen ließ.
Mir sind bei solchen Themen zwei reflexhafte Lager gleichermaßen suspekt. Auf der einen Seite heißt es sofort „Verschwörungstheorie“ und die Angelegenheit gilt damit als erledigt. Auf der anderen Seite wird aus einigen auffälligen historischen Vorgängen gleich der Beweis einer gezielten Unterdrückung konstruiert.
Beides erspart die eigentliche Arbeit: Quellen lesen, Daten prüfen und zwischen dem unterscheiden, was dokumentiert ist und dem, was lediglich plausibel erscheinen mag.
Wer diese Geschichte im Detail lesen möchte, findet sie deshalb nicht noch einmal hier, sondern in meinem ausführlichen Beitrag Borax und Bor: Wirkung, Dosierung und Risiken.
Gerade am Beispiel Bor zeigt sich aus meiner Sicht sehr schön, weshalb man bei Vitalstoffen genauer hinsehen muss. Offizielle Zufuhrempfehlungen erzählen nicht automatisch die ganze Geschichte – Internetforen und Nahrungsergänzungsmittelwerbung allerdings ebenfalls nicht.
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Meine Einschätzung zu Bor
Bor ist für mich eines jener Spurenelemente, bei denen die Forschung erheblich interessanter ist, als es der offizielle Status zunächst vermuten lässt.
Wir wissen, dass der Mensch Bor täglich aufnimmt. Wir wissen, dass es gut resorbiert wird. Wir sehen Zusammenhänge mit dem Mineralstoff- und Knochenstoffwechsel, Hinweise auf Wechselwirkungen mit Vitamin D, Magnesium und Steroidhormonen sowie interessante kleine Untersuchungen zu Gelenkbeschwerden. Selbst beim Gehirn gibt es Hinweise darauf, dass eine ausgesprochen niedrige Borzufuhr nicht völlig folgenlos bleibt.
Was wir nicht wissen, ist mindestens ebenso wichtig.
Wir kennen keinen allgemein akzeptierten Borbedarf. Wir besitzen keine etablierte Mangeldiagnostik. Wir wissen nicht zuverlässig, welche Menschen von einer zusätzlichen Einnahme profitieren. Und für viele der im Internet genannten Wirkungen fehlen solide klinische Studien.
Das ist weder ein Grund, Bor zu ignorieren, noch ein Freibrief für Borax-Hochdosisexperimente.
Die vernünftigste Konsequenz ist zunächst ausgesprochen unspektakulär: eine pflanzenreiche Ernährung mit Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten und Nüssen. Damit nimmt man nicht nur Bor auf, sondern gleichzeitig Magnesium, Kalium, Polyphenole, Ballaststoffe und zahlreiche andere Substanzen. Unser Stoffwechsel verarbeitet schließlich keine isolierten Tabellenwerte, sondern Lebensmittel.
Ob eine zusätzliche Bor-Supplementierung im Einzelfall sinnvoll sein kann, hängt von Ernährung, Zielsetzung, Begleiterkrankungen und Dosierung ab. Höhere Dosierungen würde ich jedenfalls nicht nach dem Motto „viel hilft viel“ einsetzen.
Bor verdient meines Erachtens mehr Forschung.
Bis diese Forschung vorliegt, verdient es aber ebenso eine nüchterne Betrachtung – ohne reflexhafte Abwertung auf der einen und ohne Wundermittelromantik auf der anderen Seite.
Häufige Fragen zu Bor
Wofür ist Bor gut?
Bor könnte insbesondere am Mineralstoff- und Knochenstoffwechsel beteiligt sein und Prozesse beeinflussen, an denen Calcium, Magnesium, Vitamin D und Steroidhormone beteiligt sind. Auch für Gelenke und bestimmte Gehirnfunktionen existieren interessante Hinweise. Für viele mögliche Wirkungen ist die klinische Datenlage allerdings noch begrenzt.
Ist Bor ein Vitamin oder Mineralstoff?
Bor ist kein Vitamin. Es handelt sich um ein chemisches Element und Spurenelement. Für Menschen ist Bor bislang nicht offiziell als essenzieller Nährstoff anerkannt.
Welche Symptome verursacht ein Bor-Mangel?
Ein medizinisch definiertes Bormangelsyndrom ist beim Menschen nicht bekannt. Bei experimentell sehr niedriger Borzufuhr wurden unter anderem Veränderungen des Mineralstoff- und Knochenstoffwechsels sowie bestimmter geistiger Leistungen beobachtet. Daraus lässt sich jedoch keine zuverlässige Liste von „Bor-Mangel-Symptomen“ für den Alltag ableiten.
Welche Lebensmittel enthalten besonders viel Bor?
Gute Borquellen sind insbesondere Trockenfrüchte, Avocados, Äpfel, Birnen, Weintrauben, Pfirsiche, Hülsenfrüchte, Erdnüsse und andere Nüsse. Die tatsächlichen Gehalte können abhängig von Boden und Anbaugebiet deutlich schwanken.
Steigert Bor Testosteron?
Es gibt eine sehr kleine Studie, in der nach kurzfristiger Einnahme einer höheren Bor-Dosis Veränderungen des freien Testosterons beobachtet wurden. Eine andere kontrollierte Untersuchung fand dagegen keinen entsprechenden Effekt. Von einem zuverlässig nachgewiesenen „Testosteron-Booster“ kann deshalb keine Rede sein.
Ist Bor für Frauen in den Wechseljahren sinnvoll?
Ältere kleine Stoffwechselstudien zeigen interessante Zusammenhänge zwischen Bor, Östradiol, Testosteron sowie dem Calcium- und Magnesiumstoffwechsel. Daraus lässt sich jedoch keine allgemeine Empfehlung ableiten, Wechseljahresbeschwerden mit Bor zu behandeln.
Wann sollte man Bor einnehmen – morgens oder abends?
Für eine besondere Tageszeit gibt es keine überzeugenden Daten. Entscheidend sind vielmehr die Gesamtzufuhr, die verwendete Dosis und die Frage, ob eine zusätzliche Einnahme überhaupt sinnvoll ist.
Kann man Bor und Magnesium zusammen einnehmen?
Grundsätzlich bestehen interessante Zusammenhänge zwischen Bor und Magnesium im Mineralstoff- und Knochenstoffwechsel. Eine zwingende gemeinsame Einnahme zu einem bestimmten Zeitpunkt ist jedoch nicht belegt.
Wie viel Bor sollte man täglich einnehmen?
Eine allgemein anerkannte Zufuhrempfehlung gibt es für Bor nicht. Über eine normale pflanzenreiche Ernährung werden häufig ungefähr 1 bis 1,5 mg täglich aufgenommen. In Humanstudien wurden teilweise höhere Mengen eingesetzt. Studien-Dosierungen sind jedoch keine automatischen Einnahmeempfehlungen.
Ist Bor giftig?
Die Dosis entscheidet. Die üblichen Mengen aus Lebensmitteln stellen für gesunde Erwachsene normalerweise kein Problem dar. Hohe Mengen von Borverbindungen können dagegen toxisch wirken. Besondere Vorsicht ist unter anderem bei eingeschränkter Nierenfunktion, in Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Kindern und Jugendlichen angebracht.
Ist Bor dasselbe wie Borax?
Nein. Bor ist ein chemisches Element und Spurenelement. Borax ist eine borhaltige chemische Verbindung. Dosierungen von Bor und Borax dürfen deshalb niemals einfach gleichgesetzt werden.
Quellen und Studien die ich mir angesehen habe
- National Institutes of Health, Office of Dietary Supplements: Boron – Fact Sheet for Health Professionals.
- Nielsen FH et al.: Effect of dietary boron on mineral, estrogen, and testosterone metabolism in postmenopausal women. FASEB Journal, 1987.
- Naghii MR et al.: Comparative effects of daily and weekly boron supplementation on plasma steroid hormones and proinflammatory cytokines. Journal of Trace Elements in Medicine and Biology, 2011.
- Ferrando AA, Green NR: The effect of boron supplementation on lean body mass, plasma testosterone levels, and strength in male bodybuilders. International Journal of Sport Nutrition, 1993.
- Bundesinstitut für Risikobewertung: Höchstmengenvorschläge für Bor in Nahrungsergänzungsmitteln.
- European Food Safety Authority: Tolerable Upper Intake Levels for Vitamins and Minerals.
