Vitamin B3: 66 Prozent weniger Glaukomdiagnosen

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66 Prozent weniger Glaukomdiagnosen durch Vitamin B3?

Mit dieser Schlagzeile ließe sich derzeit einiges an Aufmerksamkeit erzeugen. Vermutlich dauert es auch nicht lange, bis die ersten Hersteller daraus „Vitamin B3 schützt vor Grünem Star“ machen. Ganz soweit sind wir allerdings nicht.

Aber: eine im Juli 2026 in JAMA Ophthalmology veröffentlichte Untersuchung liefert ein bemerkenswertes „Signal“. Patienten mit erhöhtem Augeninnendruck, bei denen eine Einnahme von Nicotinamid dokumentiert war, entwickelten erheblich seltener ein primäres Offenwinkelglaukom als vergleichbare Patienten ohne Nicotinamid-Einnahme. Richtig ist aber auch: Es handelt sich nicht um eine randomisierte Therapiestudie. Ich knnte noch nicht einmal herausfinden, in welcher Dosierung die Patienten das Nicotinamid eingenommen hatten. Wer dazu was findet, bitte in den Kommentar schreiben.

Also: Die Studie sehe ich nicht als Freifahrtschein für die Hochdosis-Selbstmedikation. Aber sie ist ein Grund, den Zusammenhang zwischen Vitamin B3, Mitochondrien und Sehnerv genauer anzusehen.

Was die neue Studie tatsächlich zeigte

Ausgewertet wurden elektronische Gesundheitsdaten aus 67 amerikanischen Gesundheitseinrichtungen aus dem Zeitraum 2006 bis 2026. Eingeschlossen waren Patienten mit einer sogenannten okulären Hypertension: Der Augeninnendruck war erhöht, ein Glaukomschaden am Sehnerv oder im Gesichtsfeld war jedoch noch nicht diagnostiziert worden.

Nach einem statistischen Abgleich blieben 2.920 Patienten übrig:

  • 1.460 Patienten mit dokumentierter Nicotinamid-Einnahme
  • 1.460 vergleichbare Patienten ohne Nicotinamid- oder Niacin-Einnahme

Während einer durchschnittlichen Beobachtungszeit von 3,7 Jahren wurde bei 3,5 Prozent der Nicotinamid-Anwender ein primäres Offenwinkelglaukom diagnostiziert. In der Kontrollgruppe waren es 9 Prozent.

Das rechnerische Risiko lag damit in der Nicotinamid-Gruppe um rund 66 Prozent niedriger. Auch drucksenkende Augentropfen wurden seltener neu verordnet: 13,6 gegenüber 21,2 Prozent. Eine Lasertrabekuloplastik benötigten 0,8 gegenüber 1,9 Prozent.

Das ist kein kleiner Unterschied. Die absolute Risikodifferenz bei der Glaukomdiagnose betrug 5,5 Prozentpunkte. Rein rechnerisch entspricht das etwa einem verhinderten Fall auf 18 behandelte Personen.

Nur: Von „behandelt“ können wir hier streng genommen nicht sprechen.

Warum 66 Prozent noch kein Beweis sind

Die Forscher haben die beiden Gruppen nach zahlreichen Merkmalen abgeglichen und auch kontrolliert, ob eine Gruppe häufiger beim Augenarzt untersucht wurde. Das stärkt die Aussage, es beseitigt aber nicht das grundsätzliche Problem einer Beobachtungsstudie.

Menschen, die Nahrungsergänzungsmittel einnehmen und diese ihrem Arzt auch mitteilen, können sich in vielerlei Hinsicht von anderen Patienten unterscheiden. Vielleicht achten sie stärker auf ihre Gesundheit (Healthy user Effekt). Vielleicht nehmen sie Medikamente zuverlässiger ein? Vielleicht unterscheiden sich Ernährung, Einkommen, Gesundheitswissen oder andere Faktoren, die in der Datenbank nicht vollständig erfasst wurden?

Vor allem fehlten meines Erachtens entscheidende Angaben:

  • Welche Nicotinamid-Dosis wurde eingenommen?
  • Wie lange wurde sie eingenommen?
  • Wurde das Präparat regelmäßig genommen?
  • Aus welchem Grund war Nicotinamid verordnet oder dokumentiert worden?
  • Wie sahen Augeninnendruck, Hornhautdicke, Sehnerv und Gesichtsfeld im Verlauf genau aus?

Die Autoren selbst betonen, dass ihre Daten keine geeignete Dosierung erkennen lassen und dass eine randomisierte Studie notwendig ist, bevor aus der statistischen Verbindung eine ursächliche Schutzwirkung abgeleitet werden kann. Eine Aufforderung, Nicotinamid auf eigene Faust einzunehmen, sei die Untersuchung ausdrücklich nicht.

Das ist eine erfreulich klare Ansage. Bei Vitalstoffen wird der Unterschied zwischen einem Signal und einem Wirksamkeitsbeweis sonst gern mit Schwung übersprungen.

Warum das Glaukom ernst genommen werden sollte…

Der sogenannte Grüne Star ist keine einfache „Druckkrankheit“, sondern beinhaltet auch eine fortschreitende Schädigung des Sehnervs. Betroffen sind vor allem die retinalen Ganglienzellen und ihre Nervenfasern, die die visuellen Informationen vom Auge zum Gehirn übertragen.

Das Tückische: Ein Offenwinkelglaukom verursacht lange Zeit kaum Beschwerden. Das zentrale Sehen bleibt zunächst erhalten, während am Rand des Gesichtsfeldes bereits Nervenfasern ausfallen. Das Gehirn ergänzt fehlende Bildinformationen erstaunlich lange. Wenn der Betroffene selbst bemerkt, dass etwas nicht stimmt, ist häufig bereits ein erheblicher Schaden eingetreten.

Nach der deutschen Leitlinie hat etwa ein Drittel der Patienten bei Diagnosestellung bereits ein fortgeschrittenes Stadium oder Spätstadium an mindestens einem Auge. Eingetretene Schäden sind unter Behandlung meist höchstens teilweise rückbildungsfähig.

Der Ausdruck vom „stillen Sehdieb“ ist ausnahmsweise keine übertriebene Werbeformel. Er beschreibt das Problem ziemlich genau.

Was haben Mitochondrien mit dem Sehnerv zu tun?

Hier beginnt der eigentlich spannende Teil der Nicotinamid-Forschung… Und die werden nach meiner Erfahrung kaum berücksichtigt. Die retinalen Ganglienzellen müssen ihre elektrischen Signale über lange Nervenfasern bis ins Gehirn weiterleiten. Das erfordert eine erhebliche und kontinuierliche Energieversorgung. Die Zellen sind daher auf leistungsfähige Mitochondrien angewiesen.

Eine zentrale Rolle spielt dabei NAD, das Nicotinamidadenindinukleotid. Es ist an der Energiegewinnung, an Redoxreaktionen, an Reparaturvorgängen der DNA und an zahlreichen weiteren Zellfunktionen beteiligt. Mehr als 400 Enzyme benötigen NAD für ihre Arbeit. Nicotinamid dient dem Körper als Ausgangssubstanz für die Bildung von NAD.

In Tiermodellen zeigte sich, dass der NAD-Stoffwechsel im alternden und druckbelasteten Auge gestört sein kann. Retinale Ganglienzellen geraten offenbar schon vor dem sichtbaren Untergang in eine Art energetische Krise. Nicotinamid könnte ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Druckstress erhöhen.

Das verändert den Blick auf die Erkrankung – sollte es zumindest… Entscheidend könnte auch sein, wie gut eine Nervenzelle mit dieser Belastung umgehen kann. Der Druck wäre dann die Last und die mitochondriale Leistungsfähigkeit ein Teil der Belastbarkeit.

Frühere Studien waren interessant, aber klein

Bereits 2021 wurde eine randomisierte Phase-2-Studie mit Nicotinamid und Pyruvat veröffentlicht. Von 42 randomisierten Glaukompatienten schlossen 32 die Studie ab. Verwendet wurden ansteigende Nicotinamid-Dosen von 1.000 bis 3.000 Milligramm sowie Pyruvat von 1.500 bis 3.000 Milligramm täglich.

Nach einer mittleren Behandlungsdauer von lediglich 2,2 Monaten zeigten sich in der Behandlungsgruppe mehr Gesichtsfeld-Messpunkte mit einer Verbesserung als unter Placebo.

Bei wichtigen globalen Gesichtsfeldwerten wie der „Mean Deviation“ und dem „Visual Field Index“ ergab sich jedoch kein statistisch überzeugender Unterschied. Vor allem war die Studie viel zu kurz, um zu zeigen, dass Nicotinamid einen dauerhaften Verlust von Nervenfasern oder Sehvermögen verhindert.

Genau das sollen größere, länger laufende Studien nun klären. Mehrere randomisierte Untersuchungen prüfen Nicotinamid allein oder zusammen mit Pyruvat über Zeiträume von etwa zwei Jahren. Dabei werden Gesichtsfeld, Nervenfaserschicht und Sehnervstruktur kontrolliert.

Erst solche Daten können zeigen, ob aus der kurzfristigen Funktionsverbesserung tatsächlich ein langfristiger Schutz wird.

Nicotinamid ist nicht dasselbe wie Niacin

Bei Vitamin B3 herrscht eine gewisse Begriffsverwirrung. Unter dem Oberbegriff werden mehrere Verbindungen zusammengefasst.

Nicotinsäure, meist als Niacin bezeichnet, wird in hohen Dosierungen zur Beeinflussung der Blutfette eingesetzt. Sie kann den bekannten Flush mit Rötung, Brennen und Juckreiz der Haut auslösen. In pharmakologischen Dosierungen sind außerdem Blutdruckabfall, Störungen des Glukosestoffwechsels, Magen-Darm-Beschwerden, erhöhte Harnsäure und Leberschäden möglich.

Nicotinamid, auch Niacinamid genannt, ist die Amidform der Nicotinsäure. Sie verursacht normalerweise keinen Flush und beeinflusst die Blutfette nicht in gleicher Weise. Genau diese Form wird in den Glaukomstudien untersucht.

Daneben gibt es weitere NAD-Vorstufen wie Nicotinamid-Ribosid und NMN. Auch sie sind mit Vitamin B3 verwandt, aber nicht einfach austauschbar. Für einen Glaukomschutz durch NR oder NMN gibt es derzeit keinen entsprechenden klinischen Nachweis.

Wer auf einer Verpackung nur „Vitamin B3“ liest, weiß also noch nicht, welche Verbindung tatsächlich enthalten ist. Spätestens bei Grammdosierungen ist das kein nebensächliches Etikettendetail mehr.

Welche Dosis? Wieviel Niacin usw.?

Die übliche Zufuhrempfehlung für Erwachsene liegt bei ungefähr 14 bis 16 Milligramm Niacinäquivalenten täglich. In den Glaukomstudien wurden teilweise 1.000 bis 3.000 Milligramm Nicotinamid verwendet. Wir reden damit nicht mehr über eine normale Nährstoffergänzung, sondern über eine pharmakologische Dosierung, die um ein Vielfaches über der üblichen Nahrungszufuhr liegt.

Nicotinamid ist zwar meist besser verträglich als Nicotinsäure. Harmlos ist es in hoher Dosis deshalb nicht zwangsläufig. Möglich sind unter anderem Übelkeit, Magen-Darm-Beschwerden, Müdigkeit, Kopfschmerzen und Veränderungen der Leberwerte. Bei 3.000 Milligramm täglich wurden auch medikamentenähnliche Leberschäden beschrieben. Aber 3.000 Milligramm? Ich kenne niemanden der solche Dosen nimmt.

Die American Glaucoma Society und die American Academy of Ophthalmology veröffentlichten 2025 natürlich eine ungewöhnlich deutliche Stellungnahme:

  • Nicotinamid ist nicht zur Glaukombehandlung zugelassen.
  • Dosen von 3 Gramm täglich oder mehr werden außerhalb klinischer Studien nicht empfohlen.
  • Auch niedrigere Hochdosen sollten nur in Abstimmung mit dem behandelnden Arzt und unter regelmäßiger Kontrolle der Leberwerte eingesetzt werden.
  • Bei bestehender oder früherer Lebererkrankung soll auf eine solche Anwendung verzichtet werden.
  • Niacin beziehungsweise Nicotinsäure darf nicht einfach anstelle von Nicotinamid verwendet werden.

Der entscheidende Punkt: Die neue Beobachtungsstudie liefert überhaupt keine Dosierung, die man daraus ableiten könnte. Wer aufgrund der 66-Prozent-Zahl nun drei Gramm aus dem Internet bestellt, zieht aus der Studie genau die Schlussfolgerung, vor der ihre Autoren warnen.

Was Patienten jetzt sinnvoll tun können

Die wichtigste Präventionsmaßnahme bleibt nicht die Kapsel, sondern die rechtzeitige Untersuchung. Wer über 40 Jahre alt ist oder zusätzliche Risikofaktoren hat, sollte den Augeninnendruck und den Sehnerv augenärztlich beurteilen lassen. Bei familiärer Belastung, stärkerer Kurzsichtigkeit oder auffälligen Befunden können engere Kontrollen notwendig sein.

Bei einer okulären Hypertension oder einem bereits diagnostizierten Glaukom sind folgende Punkte wichtig:

  1. Nicht nur auf einen einzelnen Druckwert vertrauen. Verlauf, Sehnerv, Nervenfaserschicht und Gesichtsfeld müssen gemeinsam beurteilt werden.
  2. Verordnete Augentropfen nicht durch Nicotinamid ersetzen. Die Drucksenkung ist weiterhin die am besten belegte Methode, um Auftreten und Fortschreiten eines Glaukoms zu verzögern.
  3. Bei Progression trotz niedriger Druckwerte genauer hinschauen. Blutdruckverlauf, nächtliche Hypotonie, Gefäßregulation und weitere Faktoren können dann eine Rolle spielen.
  4. Nicotinamid nur „fachlich“ begleitet einsetzen. Entscheidend sind die exakte Verbindung, die Dosis, Lebererkrankungen, Nierenfunktion, weitere Medikamente und geeignete Laborkontrollen.

Mein Fazit

Immerhin: die neue Studie ist bemerkenswert. Bei Patienten mit erhöhtem Augeninnendruck war eine dokumentierte Nicotinamid-Einnahme mit deutlich weniger Glaukomdiagnosen und weniger drucksenkenden Eingriffen verbunden.

Ich würde mehr dazu wissen wollen! Noch wissen wir nicht, ob Nicotinamid das Glaukom tatsächlich verhindert. Ich kenne weder die wirksame Dosis noch die langfristige Sicherheit. Und wir wissen nicht, welcher Teil des beobachteten Unterschieds tatsächlich auf das Vitamin zurückzuführen ist.

Der wichtigste Gedanke hinter dieser Forschung reicht ohnehin weiter als die Frage nach einer Kapsel: Ein Glaukom ist offenbar nicht nur eine Frage des Drucks. Es ist auch eine Frage der Widerstandskraft des Sehnervs, seiner Energieversorgung und seiner Fähigkeit, unter Belastung funktionsfähig zu bleiben. Das Nicotinamid könnte dabei eines Tages eine Rolle spielen.