Inositol – Wirkung, Anwendungen und Studien zu Inositol

Informationen aus der Naturheilpraxis von René Gräber

René Gräber

Inositol, auch Inosit, chemisch Cyclohexanhexol, ist ein sechswertiger Alkohol, der vielfach in der Natur vorkommt. Es kann in neun verschiedenen Stereoisomeren vorliegen und ist ein Isomer von Glukose. Seine häufigste Form ist myo-Inositol. Sie kommt in zahlreichen Pflanzen sowie in tierischem Gewebe vor.

Inositol ist in vielen Nahrungsmitteln als myo-Inositol enthalten. In der Vergangenheit wurde Inositol auch als Muskelzucker bezeichnet, doch handelt es sich bei dem Stoff nicht um ein Kohlenhydrat entsprechend der aktuellen Definition. Ebenso ist inzwischen die frühere Einteilung von Inositol als B-Vitamin umstritten, denn es ist kein essentieller Nährstoff.

Inositol spielt als sekundärer Botenstoff in der Signalweiterleitung der Zelle eine wichtige Rolle. Der entsprechende Signalweg startet an den Phospholipiden der Zellmembran und kann vielfältige Auswirkungen im Körper haben. Daneben kann Inositol selbst Strukturelement der Phospholipide der Zellmembranen sein und dort als Anker für verschiedene Enzyme dienen.(1)

Im Gehirn sind für die gesunde Nervenfunktion und Signalweiterleitung Botenstoffe wichtig, deren Vorstufe Inositol darstellt und bei Depressiven fand man eine verminderte Konzentration an Inositol in der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit.(2)

Inositol wurde in der Therapie verschiedener psychischer Erkrankungen erforscht, nicht zuletzt, weil ein verminderter Level an Inositol bei Depressionen und anderen Erkrankungen auftritt. Dabei zeigten sich Erfolge der Inositol-Behandlung vor allem bei psychischen Krankheiten wie Depressionen (3), Panikattacken (4), Agoraphobie, Alzheimer (2), Essstörungen wie Bulimie und binge eating-Fressattacken (5) sowie Zwangsstörungen und Neurosen (6).

Inositol hat dabei bislang kaum Nebenwirkungen gezeigt. Nachweislich gibt es durch die Einnahme keine Veränderungen in der Leber, den Nieren oder der Blutfunktion. In der Behandlung von Panikattacken und Zwangsstörungen war Inositol laut einer Studie aus dem Jahr 2001 ebenso effektiv wie das Antidepressivum Fluvoxamin, das oft von Therapeuten verschrieben wird.(7)

In einer weiteren Studie zeigte sich Inositol therapeutisch so wirkungsvoll wie das Dibenzazepin Imipramin.(8) Imipramin hat Suchtpotential, wirkt bei Fruchtfliegen erbgutschädigend und erhöht möglicherweise das Risiko, an Krebs zu erkranken. Fluvoxamin dagegen hat wie alle selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) deren typische Nebenwirkungen, die bis zu Suizidgedanken reichen können. Einige Patienten reagieren jedoch gar nicht auf SSRI. In solchen Fällen können Substanzen wie Lithium eine Wirkung der SSRI beim Patienten hervorrufen, während eine Kombination von SSRI mit Inositol diesen Effekt nicht erreicht.(9)

Dafür kann Inositol beim Menschen die Nebenwirkungen von Lithium mindern.(8) Beim Einsatz des Stoffs in der Therapie ist jedoch die Art des verwendeten Inositols von Bedeutung. Während myo-Inositol antidepressiv wirken kann, konnte mit epi-Inositol keine vergleichbare Wirkung erzielt werden.(10)

Der Optimismus, mit Inositol einen natürlichen und nebenwirkungsarmen Wirkstoff gegen Depressionen gefunden zu haben, wurde allerdings durch einige Studien gedämpft. Eine 2004 veröffentlichte Studie der Universität Oxford fand keine klaren Belege für eine therapeutische Wirkung von Inositol bei Depressionen. An der Studie nahmen 141 Patienten teil.(11)

Neuere Studien zeigen dagegen, dass die Einnahme von Inositol in Kombination mit Stimmungsstabilisierern wie Antikonvulsiva bei bipolarer Depression durchaus effektiv sein kann.(21)

Auch bei der prämenstruellen dysphorischen Störung (PMDD), einer besonders schweren Form des prämenstruellen Syndroms, die rund fünf Prozent der Frauen betrifft, wirkte sich die Einnahme von myo-Inositol laut einer Studie aus 2011 nachweislich lindernd aus, auch auf mit der Störung auftretende Depressionen. Die Frauen hatten Inositol als Gelkapseln oder Pulver eingenommen. PMDD gehört zu den Krankheiten, die auf SSRI ansprechen.(20)

Einige Forscher untersuchten eine mögliche analgetische Wirkung von Inositol. Ein analgetischer wie entzündungshemmender Effekt konnte für Inositol-Trisphosphat (IP3) belegt werden, als der Wirkstoff Patienten nach einer Gallenblasenentfernung gegeben wurde. Die Einnahme verminderte die Schmerzen, während es zu keinen Nebenwirkungen kam. Auch die Menge an Opioiden konnte durch die Inositol-Einnahme gesenkt werden.(12)

Autistischen Kindern oder Patienten mit posttraumatischem Stress-Syndrom konnte die Einnahme von Inositol nicht helfen. Auch bei Schizophrenie zeigte sich kein Erfolg einer Inositol-Einnahme von 12 Gramm täglich.(2) Insgesamt zeigt sich, dass Inositol vor allem bei Krankheiten wirkt, die auch auf die Einnahme von selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern ansprechen.

Vermutlich durch den Einfluss auf das Nervensystem kann Inositol, das Neugeborenen, insbesondere Frühgeborenen, 30 Tage lang von Geburt an zugefüttert wird, verhindern, dass die Säuglinge eine Frühgeborenen-Retinopathie entwickeln, deren Ursache eine Unterentwicklung der Netzhautgefäße ist.(13)

Bei Kindern, die vor der 30. Schwangerschaftswoche geboren werden, liegt das Risiko dieser Krankheit je nach Quellenangabe bei 16 bis 56 Prozent. Die Krankheit bildet sich auch unbehandelt bei circa 90 Prozent der Kinder wieder zurück. Falls nicht, wird eine medizinische Behandlung notwendig. Das Risiko einer Netzhautablösung bleibt lebenslang erhöht.(14)

Bei Frühgeborenen mit Atemnotsyndrom und künstlicher Ernährung wirkt sich die Verabreichung von Inositol ebenfalls positiv aus: Sie haben eine erhöhte Überlebensrate und erleiden seltener eine bronchopulmonale Dysplasie, eine chronische Lungenkrankheit, die verstärkt bei künstlicher Beatmung Frühgeborener auftritt, die durch das Atemnotsyndrom notwendig wird. Die Lungenkrankheit kann bis zum Tod führen.(15) Die entsprechende Studie zeigte zudem deutliche Hinweise darauf, dass Inositol eine Frühgeborenenretinopathie verhindert.

2003 konnten US-Forscher eine neue, mögliche Anwendung von Inositol beschreiben. Bei Inositolhexaphosphat (IP6) handelt es sich um phosphoryliertes Inositol, das natürlich in nahezu allen Pflanzen- und Säugetierzellen vorkommt, und das sich als deutlich krebshemmend erwiesen hat.

Auch Inositol besitzt moderate Anti-Krebs-Eigenschaften. Die Wissenschaftler setzten beides kombiniert ein und konnten mit dieser Kombination eine deutlich erhöhte Effektivität gegen Krebszellen erreichen. Die Zellproliferation wurde eingeschränkt und bösartig veränderte Zellen wurden zu erhöhter Differenzierung angeregt, sodass viele sich wieder zum normalen Zelltyp zurückentwickelten.

Die Kombination beider Stoffe erhöht zudem die Wirkung der konventionellen Chemotherapie, hemmt die Metastasenbildung und erhöht die Lebensqualität von Krebspatienten. Wie die Inositole dies erreichen, konnte noch nicht vollständig entschlüsselt werden. Doch ihre Sicherheit in der Anwendung und ihr reichliches Vorkommen in vielen Nahrungsmitteln machen die Stoffe zu wichtigen Komponenten im Kampf gegen Krebs und der Krebs-Prävention.(16)

Die Anti-Krebswirkung von IP6 war bereits 1997 von der Forschung erkannt worden.(17) Nun ist die unterstützende Rolle von Inositol ebenfalls belegt worden. Klinische Studien der Phase I und II stehen zwar noch aus, doch stimmen die vorläufigen Ergebnisse sehr hoffnungsvoll und mit einer bewussten Ernährung kann jeder den Anteil an Inositol und seinen phosphorylierten Derivaten in der Nahrung erhöhen und so die eigene Gesundheit stärken.

Mit Nahrungsmitteln, die natürlicherweise reich an myo-Inositol sind, kann man sich ohne Probleme gezielt inositolreich ernähren und damit möglicherweise einen wohltuenden Effekt auf Krankheiten bewirken, bei denen sich die Einnahme von Inositol als hilfreich erwiesen hat. Laut einer Untersuchung der Universität Alabama und des Veterans Administration Medical Center aus dem Jahr 1980 (18) sind folgende Nahrungsmittel besonders reich an Inositol:

Nahrungsmittel mit Inositol-Gehalt in mg pro Gramm Lebensmittel:

Weizenbrot 11,5
Hamburgerbrötchen 4,8
Trockenplaumen 4,7
Cantaloupe - Melone 3,6
Leberkäse 3,5
Orangen 3,1
Mandeln 2,8
Vollkorn Frühstücksflocken 2,7
Kidneybohnen (Konserve) 2,5
Orangensaft 2,0
Grapefruit 2,0
Walnüsse 2,0

Weitere Lebensmittel und ihr Gehalt an Inositol sind in der Studie aufgelistet, die insgesamt 487 Nahrungsmittel untersucht hat. Die Gehaltsangabe gibt dabei keine Auskunft darüber, ob Inositol aus dem Nahrungsmittel für den Körper leicht verfügbar ist, denn in manchen Pflanzen liegt es als unverdauliche Phytinsäure (Inositolhexaphosphorsäure) vor. Aus den meisten pflanzlichen Quellen ist Inositol jedoch für den Menschen verwertbar.

Inositol ist als Nahrungsergänzungsmittel pur oder in Kombination mit anderen Nährstoffen im Handel. Wer es mit den Präparaten versuchen möchte, kann sich an den in verschiedenen Studien als wirksam beschriebenen Dosen von 12 bis 18 Gramm täglich orientieren. Genaue Dosierungsangaben für Inositol als Nahrungsergänzung liegen nicht vor, doch sind ernste Nebenwirkungen nicht zu befürchten. Schwangere sollten auf die Einnahme jedoch verzichten, da Inositol in hohen Dosen Kontraktionen des Uterus auslösen kann.(19)

Daneben muss bedacht werden, dass die Wirkung von Inositol teilweise noch umstritten ist. Daher dürfen Inositol-Präparate niemals als Ersatz für Arzneimittel oder eine Behandlung bei Fachleuten gelten.

Die Kosmetikindustrie hat die sehr guten kosmetischen Eigenschaften von Inositol entdeckt und bietet Pflegeprodukte mit dem Stoff an, die der Faltenbildung entgegenwirken und eine Hautglättung bewirken.

Als kosmetischer Wirkstoff ist Inositol feuchtigkeitsspendend, hautglättend und antistatisch. Damit hilft es, die Hautfeuchtigkeit zu verbessern oder das Haar zu pflegen. Inositol steckt daher in so verschiedenen Produkten wie Body Lotion vom Discounter über Markenshampoo bis zur teuren Anti Aging-Pflege namhafter Kosmetikhersteller und ist ein durchaus empfehlenswerter, natürlicher Inhaltsstoff für Haut- und Haarpflegeprodukte.

Allerdings wird Inositol als Wirkstoff in Kosmetik in der Regel nicht explizit beworben. Es ist in der Auflistung der Inhaltsstoffe auf den Produkten zu finden und wird meist als Inositol bezeichnet. Alternative Bezeichnungen sind Cyclohexanhexol, Inosit oder Myo-Inosit.

 

  1. Hooper. Glycosyl-phosphatidylinositol anchored membrane enzymes. Clinica Chimica Acta 1997 Oct 9;266(1):3-12.. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9435983
  2. Levine. Controlled trials of inositol in psychiatry. European Journal of Neuropsychopharmacology. 1997 May;7(2):147-55. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9169302
  3. Levine et al. Double-blind, controlled trial of inositol treatment of depression. The American Journal of Psychiatry 1995. 152(5): 792-794. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/7726322
  4. Benjamin et al. Double-blind, placebo-controlled, crossover trial of inositol treatment for panic disorder. The American Journal of Psychiatry 1995 Jul;152(7):1084-6.. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/7793450
  5. Gelber et al. Effect of inositol on bulimia nervosa and binge eating. The International Journal of Eating Disorders. 2001 Apr;29(3):345-8.. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11262515
  6. Fux et al. Inositol treatment of obsessive-compulsive disorder. The American Journal of Psychiatry. 1996 Sep;153(9):1219-21. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/8780431
  7. Palatnik et al. Double-blind, controlled, crossover trial of inositol versus fluvoxamine for the treatment of panic disorder. Journal of Clinical Psychopharmacology. 2001 Jun;21(3):335-9. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11386498
  8. Benjamin et al. Inositol treatment in psychiatry. Psychopharmacology Bulletin. 1995b. 31(1): 167-175. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/7675981
  9. Nemets et al. Inositol addition does not improve depression in SSRI treatment failures. Journal of Neural Transmission. 1999;106(7-8):795-8. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10907738
  10. Shaldubina et al. Epi-inositol is ineffective in Porsolt Forced Swim Test model of depression. Neuropsychiatric Disease and Treatment. 2005 June; 1(2): 189–190. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2413201/
  11. Taylor et al. Inositol for depressive disorders. Cochrane Database of Systematic Reviews. 2004;(2):CD004049. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15106232
  12. Tarnow et al. Postoperative analgesia by D-myo-inositol-1,2,6-trisphosphate in patients undergoing cholecystectomy. Anesthesia and Analgesia. 1998 Jan;86(1):107-10. http://www.anesthesia-analgesia.org/content/86/1/107.long
  13. Friedman et al. Relationship between serum inositol concentration and development of retinopathy of prematurity: a prospective study. Journal of Pediatric Ophthalmology and Strabismus. 2000. Mar-Apr;37(2): 79-86. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10779265
  14. Schrader (1998) Frühgeborenenretinopathie (Retinopathia praematurorum). In: Fuchs und Zeschitz, Fleckerlteppich und Frühförderung. 20 Jahre Frühförderung mehrfachbehinderter sehbehinderter und blinder Kinder in Bayern. Edition Bentheim, Würzburg. http://augenklinik.uk-wuerzburg.de/labore-und-schwerpunkte/retinologischer-schwerpunkt/fruehgeborenen-retinopathie.html
  15. Hallman et al. Inositol supplementation in premature infants with respiratory distress syndrome. The New England Journal of Medicine. 1992 May 7;326(19):1233-9. http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJM199205073261901
  16. Vucenik & Shamsuddin. Cancer Inhibition by Inositol Hexaphosphate (IP6) and Inositol: From Laboratory to Clinic. The American Society for Nutritional Sciences. 133:3778S-3784S, November 2003. http://jn.nutrition.org/content/133/11/3778S.full
  17. Shamsuddin et al. IP6: a novel anti-cancer agent. Life Sci. 1997;61(4):343-54. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9244360
  18. Clements & Darnell. Myo-inositol content of common foods: development of a high-myo-inositol diet. American Journal of Clinical Nutrition. 1980 Sep;33(9):1954-67. http://www.ajcn.org/content/33/9/1954.long
  19. Colodny & Hoffman. Inositol--clinical applications for exogenous use. Alternative Medicine Review. 1998 Dec;3(6):432-47. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9855568
  20. Gianfranco et al. Myo-inositol in the treatment of premenstrual dysphoric disorder. Human Psychopharmacology. 2011 Oct;26(7):526-30. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22031267
  21. Iovieno et al. Second-tier natural antidepressants: review and critique. Journal of Affective Disorders. 2011 May;130(3):343-57. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20579741