Escherichia coli in der Therapie

Informationen aus der Naturheilpraxis von René Gräber

René Gräber

Das mikroskopisch kleine Darmbakterium Escherichia coli (kurz. E. Coli) zählt zu den am besten untersuchten Lebewesen. Denn: es lässt sich im Labor leicht und schnell kultivieren, ist für den Menschen nicht besonders gefährlich und hat ein überschaubares Genom (Erbgut), das mittlerweile vollständig bekannt ist. Es wird daher oft als Modellorganismus für wissenschaftliche Zwecke herangezogen.

Doch nicht nur Forschergruppen auf der ganzen Welt profitieren von dem schnellen Wachstum von Escherichia coli. Die Bakterien teilen sich unter optimalen Bedingungen in unserem Darm in nur zwanzig Minuten. Auf diese Weise verhindern sie, dass sich andere, für unseren Organismus gefährliche Krankheitskeime dort ebenfalls ausbreiten können. Das Bakterium ist aufgrund seines schnellen Wachstums und seiner Spezialisierung auf das Leben im Verdauungstrakt in sehr großer Menge in der menschlichen und tierischen Darmflora anzutreffen. So besiedelt es den Darm von Neugeborenen bereits innerhalb der ersten Lebenstage.

E. coli ist dabei hervorragend an die Besiedlung des Darmes angepasst. So wächst es besonders gut bei Körpertemperatur, kann Energie durch Atmung, aber auch bei Sauerstoff-Abwesenheit (anaerob) durch die so genannte gemischte Säuregärung gewinnen. Es produziert Vitamin K, was wiederum den Wirten des Bakteriums entgegenkommt.

E. coli stellt so genannte Colicine her. Diese Bakterien eigenen Antibiotika töten andere Mikroorganismen gezielt ab. Die E. colis haben hierdurch den Vorteil, dass ihnen keine anderen Bakterien ihren Lebensraum streitig machen. Auf diese Weise schützen die „guten“ Darmbakterien uns aber auch vor einem Befall durch Krankheitserreger.

Escherichia coli fördert außerdem die Produktion bestimmter menschlicher Antikörpern und stimuliert auf diese Weise unser Immunsystem.(1) Also erschweren die gesunden E. coli-Stämme nicht nur direkt, sondern ebenso indirekt das Eindringen von Krankheitskeimen.

Das übermäßige Vorkommen von Escherichia coli in Badeseen oder anderen Gewässern lässt auf eine fäkale Verunreinigung schließen. Wasserproben werden daher immer auf die Anzahl der enthaltenen lebenden E. coli-Zellen untersucht. Denn obwohl die Bakterien auf das Besiedeln des Darmes spezialisiert sind, überleben sie auch außerhalb des Körpers für einige Zeit.

Escherichia coli ist im Allgemeinen ein äußerst nützlicher Bewohner unseres Verdauungstrakts. Doch wie bei vielen anderen Bakterien auch, gibt es unter den E. colis gefährliche Vertreter, die, beispielsweise durch verunreinigtes Trinkwasser, Darmerkrankungen auslösen können. Auch, wenn E. coli sich an anderer Stelle in unserem Körper vermehrt, kommt es zu unterschiedlichen Infektionen (etwa Harnwegsinfektionen oder Bauchfellentzündungen).

Die Darmbakterien bauen außerdem bei sehr eiweißreicher Kost ihrer Wirte die Proteine im Verdauungstrakt zu verschiedenen Gasen ab, die wiederum bei sehr empfindlichen Personen zu Blähungen mit Bauchschmerzen und Koliken führen können.

E. coli wird industriell genutzt

Das Darmbakterium Escherichia coli wird auch für die Arzneimittelproduktion und verschiedene biotechnologische Verfahren genutzt. So gibt es beispielsweise einen E. coli-Stamm, dem im Labor gezielt die Erbinformation zur Produktion von Insulin übertragen wurde. Das von den Bakterien hergestellte Insulin wird in großem Umfang produziert und zur Behandlung von Diabetes-Patienten eingesetzt. Auch andere, auf gleiche Weise gentechnisch veränderte E. coli-Stämme werden beispielsweise zur Erzeugung von menschlichen Hormonen, verschiedenen Enzymen, Arzneistoffen und Aminosäuren genutzt.

Da E. coli natürlicherweise die Darmflora positiv unterstützt, enthalten auch einige Probiotika lebende Zellen dieser Mikroorganismen. Bekanntestes Beispiel ist der im Arzneimittel Mutaflor® enthaltene Kulturstamm E. coli Nissle 1917, dessen förderliche Wirkung bereits seit über 90 Jahren bekannt ist. Aber auch für den Kulturstamm Escherichia coli M-17 sind positive Effekte bei Darmerkrankungen nachgewiesen.

Die als Probiotika eingesetzten E. coli-Stämme werden, wie alle anderen Mikroorgansimen auch, vor der Zulassung, gewissenhaft und gründlich auf ihre Sicherheit und Unbedenklichkeit überprüft.

Viele Heilpraktiker und Mediziner empfehlen Escherichia coli in probiotischen Nahrungsergänzungsmitteln, Lebensmitteln und Arzneistoffen vor allem nach einer Antibiotika-Behandlung. Da Antibiotika nämlich nicht nur gefährliche Krankheitskeime, sondern ebenso die gesamte Darmflora angreift, können Präparate mit lebenden E. coli-Kulturen das gestörte Gleichgewicht im Verdauungstrakt verbessern und die Darmflora erneuern. Darüber hinaus sind für verschiedene probiotische Stämme der Darmbakterien weitere Vorzüge wissenschaftlich erwiesen.

E. coli hilft bei Verstopfung, Reizdarm und Entzündungen des Darms

Eine Vergleichsstudie zeigt, dass Probiotika eine ebenso positive Wirkung bei Darmentzündungen haben wie herkömmliche Medikamente. Eine gezielte und regelmäßige Einnahme von Escherichia coli bei der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung Colitis ulcerosa hilft beispielsweise ebenso wirksam wie die Behandlung mit dem entzündungshemmenden Wirkstoff Mesalazin. Das Probiotikum ist dabei ebenfalls sehr gut verträglich und sicher.(2)

Nicht lokalisierbare Schmerzen und allgemeines Unwohlsein im Bauchraum sind typische Merkmale für das Reizdarmsyndrom, wenn andere Erkrankungen ausgeschlossen werden können. Obwohl die Ursachen für einen Reizdarm noch weitgehend unklar sind, scheinen probiotische Escherichia-Zellen sich positiv auf das Befinden der Patienten auszuwirken. Allerdings können die Symptome beim Reizdarmsyndrom sehr stark variieren, so dass bei einigen Patienten Durchfall überwiegt, bei anderen vornehmlich eine Verstopfung vorliegt und bei wieder anderen sind es vor allem die Blähungen, die den Betroffenen zu schaffen machen. Daher ist es schwierig, die Probiotika allgemein beim Reizdarm zu empfehlen. Für die Gruppe der Patienten, die beispielsweise vor allem an Durchfall leiden, ist die Wirkungskraft von E. coli allerdings sehr hoch.(3)(4)

Auch bei chronischer Verstopfung können probiotische E. coli-Stämme helfen, ohne dabei unerwünschte Nebenwirkungen zu verursachen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie mit insgesamt 134 Patienten, die seit vielen Jahren an Darmträgheit und Verstopfung litten. Viele der Betroffenen können bereits innerhalb weniger Wochen eine enorme Verbesserung der Darmfunktion feststellen.(5)  

Auch andere entzündliche Darmerkrankungen, so etwa Pouchitis, können durch probiotische E. coli-Stämme wirkungsvoll behandelt werden.(6) 

Neuere Forschungen zeigen, dass die Gabe probiotischer E. coli-Stämme nach der Geburt dabei hilft, das Allergierisiko von Kindern überempfindlicher Mütter zu senken.(7)

Auch zeigen sich gute Resultate bei Neugeborenen, die Probiotika zur Prophylaxe vor Krankheitskeimen erhalten. Die zugeführten Darmbakterien scheinen das Immunsystem bei den Kleinkindern zu stärken und so besonders wirkungsvoll vor Infektionen zu schützen.(8) 

1) www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11776397

 2) www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15479682

3) www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17992479 

4) www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16777498

5) www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/7815986

6) www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11721788

7) www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20413988

8) www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11896937