Bifidobakterien
Bifidobakterien, auch Bifidobacteria genannt, gehören zu den häufigsten Siedlern des menschlichen
Verdauungstrakts, vornehmlich des Dickdarmes.
Hier schützen sie vor Krankheitskeimen, stimulieren unser Immunsystem und helfen bei der Verdauung. Sie produzieren
bestimmte, für uns Menschen lebensnotwendige Vitamine, und
beugen teilweise sogar Allergien und Krebsgeschwüren vor. Bei gestillten Säuglingen macht diese anaerobe, also
unabhängig von Sauerstoff lebensfähige Bakteriengattung etwa 90 Prozent der natürlichen Darmflora aus.

Bei Erwachsenen zählen hingegen „nur“ noch circa 25 Prozent der Mikroorganismen im Dickdarm zu den Bifidobakterien.
Auch unsere Mundhöhle und die Vagina enthalten eine Vielzahl unterschiedlicher Bifidobakterien-Arten.
Galt die Gattung der Bifidobakterien lange Zeit als Art der Milchsäurebakterien (Lactobacillus bifidus), so ist seit Ende der
1960er Jahre klar, dass sie sich von diesen recht stark unterscheidet. Zwar bilden sowohl Bifidobakterien als auch Laktobazillen
Milchsäure, um durch die Absenkung des pH-Wertes andere Mikroorganismen am Wachstum zu hemmen, doch geschieht
dies über zwei völlig unterschiedliche Stoffwechselwege.(1) Die Bifidobakterien bauen Zucker über
einen sehr komplizierten, spezifischen Weg zu Essigsäure und Milchsäure ab, wobei das Verhältnis 3:2 beträgt.
Es ist erwiesen, dass Bifidobakterien mit der Muttermilch übertragen werden. Dies erklärt den hohen Anteil
dieser Mikroorganismen im Darm gestillter Babys. Denn die Bifidobakterien überleben die extremen Bedingungen im
Magen, um sich dann vor allem im Dickdarm der Säuglinge anzusiedeln. Hier vermehren sich die Bakterien rasch.
Durch die Ansäuerung der Umgebung sorgen sie dafür, dass keine Nahrungskonkurrenten wachsen können. Für die Babys
hat das den Vorteil, dass sich auch keine Krankheitskeime im Verdauungstrakt vermehren.(2)
Dies wiederum ist einer der Gründe dafür, dass Stillkinder allgemein wesentlich seltener an Infektionen
leiden als Kinder, die mit herkömmlicher industriell hergestellter Säuglingsmilch ernährt werden.(3)
Mittlerweile gibt es daher auch Säuglingsnahrung, die probiotische Bifidobakterien-Arten enthält.
Doch nicht nur die direkt mit der Muttermilch übertragenen Bifidobakterien besiedeln rasch den Dickdarm der
Säuglinge.
Auch scheint die Milch bestimmte Substanzen zu enthalten, die das Wachstum und die Vermehrung dieser
Mikroorganismen beschleunigen. So zeigen Laborstudien, dass das Wachstum bestimmter Bifidobakterien durch die
Zugabe menschlicher Milch stimuliert wird.(4)
Beginnen Babys, zusätzlich zur Muttermilch, auch andere Nahrung aufzunehmen, so ändert sich die
Zusammensetzung der Darmflora stark. Es kommt in Folge der Nahrungsumstellung zu einem Absinken der
Bifidobakterien, während beispielsweise die Anzahl der Kolibakterien deutlich zunimmt. Die Darmflora entspricht
dann mehr und mehr der Zusammensetzung, wie sie auch für Erwachsene und „Flaschenkinder“ typisch ist.
Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass eine sehr ballaststoffreiche Ernährung das Wachstum der
Bifidobakterien in unserem Verdauungstrakt fördert. So gelten unverdauliche pflanzliche Substanzen, wie Inulin und
Oligofructose, als Präbiotika, die die Vermehrung der Bifidobakterien in unserem Dickdarm begünstigen. Die
regelmäßige Einnahme dieser Substanzen kann auch bei Erwachsenen den Anteil der Bifidobakterien an der gesamten
Darmflora stark erhöhen.(5)
Bifidobakterien bilden überwiegend rechtsdrehende Milchsäure. Diese kann von unserem Körper leicht
abgebaut werden, weil wir hierfür ganz spezifische Enzyme besitzen. Gesunden Erwachsenen schadet auch die
linksdrehende Milchsäure, wie sie von einigen Laktobazillen produziert wird, nicht. Bei jungen Säuglingen kann ein
Zuviel an linksdrehender Milchsäure allerdings das Blut ansäuern, da diese nur sehr langsam abgebaut wird.
Wahrscheinlich hat die Natur es unter anderem deshalb so eingerichtet, dass die Darmflora von Neugeborenen fast
ausschließlich aus Bifidobakterien besteht. Denn hierdurch ist gewährleistet, dass sich im Verdauungstrakt der
Babys größtenteils die für sie leicht abbaubare rechtsdrehende Milchsäure anreichert.
Bifidobakterien besiedeln nicht nur unseren Verdauungstrakt. Auch in der weiblichen Scheide kommen unzählige
Bifidobakterien vor. Ebenso wie im Darm, schützen sie auch die Vagina vor einem Befall durch
Krankheitserreger.(6)
Bifidobakterien sind dafür bekannt, mit unserem Immunsystem in Kontakt zu treten. So regulieren die
Mikroorganismen über komplizierte Signalwege beispielsweise die Antikörperproduktion und regen das Wachstum
verschiedener Immunzellen an.(7)
Sie produzieren darüber hinaus Vitamine, die wir direkt
über den Verdauungstrakt aufnehmen und anschließend verwerten können.
Außerdem scheint ein hoher Anteil an Bifidobakterien im Darm vor Verdauungsbeschwerden und Blähungen zu
schützen. Dies lässt sich wahrscheinlich ebenfalls auf die Milchsäure-Produktion zurückführen. Denn im Gegensatz zu
Bifidobakterien bilden E. coli und viele andere Darmbewohner als
Stoffwechselendprodukte vornehmlich Gase.
Personen, deren Darmflora zu einem Großteil aus diesen gasbildenden Bakterien besteht, leiden häufiger an
Bauchschmerzen, Völlegefühl und anderen Verdauungsstörungen. Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass unter
anderem eine verminderte Anzahl an Bifidobakterien für das weit verbreitete Reizdarmsyndrom verantwortlich
ist.(8)
Bifidobakterien in der Lebensmittelproduktion
Ebenso wie Milchsäurebakterien, spielen auch Bifidobakterien bei der Produktion fermentierter Lebensmittel eine
wichtige Rolle. So sind bei der ursprünglichen Herstellung von Sauerkraut, Joghurt oder Sauerteig immer auch
Bifidobakterien-Arten beteiligt. Die Milchsäure erniedrigt, ebenso wie im menschlichen Darm, in den Lebensmitteln
den pH-Wert, so dass Krankheitskeime und Schimmelpilze hier nicht wachsen können. Dadurch bleiben die Produkte zum
einen länger haltbar. Zum anderen entwickeln sie ihren typischen, leicht säuerlichen Geschmack.
Heutzutage werden viele Produkte allerdings industriell gefertigt, so dass es sich nur noch selten um ein
zufälliges Gemisch vieler Milchsäure-produzierender Bakterien handelt. Vielmehr setzen die Hersteller ihren
Nahrungsmitteln gezielt bestimmte Bakterienarten zu, um die genau gewünschten Eigenschaften und eine
gleichbleibende Qualität zu erreichen. Bifidobakterien spielen dabei weiterhin eine große Rolle.
Aufgrund der zahlreichen beschriebenen positiven Eigenschaften auf unsere Gesundheit, werden Bifidobakterien
auch vermehrt als Probiotika eingesetzt. Besonders beliebte Arten sind dabei beispielsweise Bifidobacterium longum,
Bifidobacterium infantis und Bifidobacterium animalis subsp. lactis.
(1.) www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/6020562
(2.) www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/8646
(3.) www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17637093
(4.) www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/7425454
(5.) www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/7698613
(6.) www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10852059
(7.) www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20071048
(8.) www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19785495
|