Resveratrol - Das Wundermittel aus der roten Traube

Informationen aus der Naturheilpraxis von René Gräber

René Gräber


Viele Wirkstoffe, die Pflanzen zu ihrem eigenen Schutz vor Parasiten herstellen, zeigen auch bei uns Menschen positive Effekte. In besonderem Maße gilt dies für Resveratrol, das 1963 erstmals im Japanischen Staudenknöterich nachgewiesen werden konnte. Es handelt sich dabei um eine aromatische Verbindung mit der Summenformel C14H12O3, die zu den Polyphenolen gehört.

Pflanzen bilden das Phytoalexin, wenn sie von Pilzen oder Bakterien befallen werden, um diese schnell und gezielt abzutöten. Dabei werden die Phytoalexine vornehmlich lokal in den befallenen Bereichen gebildet, so etwa in den Beerenschalen und Blättern der Weintrauben, um diese in der feuchten Jahreszeit vor falschem Mehltau und anderen Krankheiten zu schützen.

Besonders reich an Resveratrol ist die Haut roter Weintrauben. In Rotwein ist die Konzentration sehr hoch, wobei das Phytoalexin die Gärungsprozesse und selbst lange Lagerzeiten gut übersteht. Aber auch weiße Trauben, Himbeeren, Pflaumen, Erdnüsse und Maulbeeren enthalten viel Resveratrol. Insgesamt konnte das Phytoalexin bei einer groß angelegten Studie in 72 verschiedenen Pflanzenarten nachgewiesen werden.

Resveratrol ist ein Antioxidans, das gefährliche reaktive Moleküle in unserem Körper abfängt, so dass diese keine anderen Substanzen angreifen können. Auf diese Weise schützt das Phytoalexin vor einer Schädigung der Zellmembranen und des Zellkerns. Antioxidantien wird darüber hinaus eine positive Wirkung bei zahlreichen Erkrankungen zugeschrieben.

Unter Laborbedingungen zeigt Resveratrol unterschiedliche positive Wirkungen, wie das Abtöten von Krebszellen, positive Effekte bei Arteriosklerose, Arthritis und verschiedenen Autoimmunerkrankungen. Es reguliert die Glukoseausschüttung und hält den Insulinspiegel niedrig, gleichzeitig sorgt es für eine gesunde Leber. Insgesamt scheint der Pflanzenstoff sich positiv auf die Gesundheit und körperliche Fitness auszuwirken.

An Labormäusen konnte beispielsweise gezeigt werden, dass Resveratrol das Herz stärkt, gleichzeitig aber auch die Augen und die Muskelkraft positiv beeinflusst. Die mit dem Phytoalexin gefütterten Tiere waren insgesamt gesünder und fitter als die Kontrollgruppe. Dieser positive Effekt entsprach etwa dem einer kalorienarmen Ernährung, da das Resveratrol die gleichen Gene (Sirtuine) aktiviert (Pearson K.J. et al.: Resveratrol delays age-related deterioration and mimics transcriptional aspects of dietary restriction without extending life span; Cell Metab; 2008; 8(2); S. 157-168).

Bei übergewichtigen Tieren führt eine Resveratrol-Fütterung nicht nur zu einer Verbesserung der Gesundheit, sondern auch zu einer Lebensverlängerung. Dies konnte bei normalgewichtigen Tieren allerdings bisher nicht bestätigt werden. Das liegt vermutlich daran, dass die Vorgänge in Säugern sehr komplex sind und weitere Substanzen oder Regulationsmechanismen mit dem Resveratrol zusammenspielen müssen (Baur J. A. et al.: Resveratrol improves health and survival of mice on a high-calorie diet; Nature; 2006; 444(7117); S. 337-342).

Bei einem anderen Versuch wurden Mäuse besonders fettreich ernährt und erhielten zusätzliche hohe Resveratrol-Dosen. Die Tiere nahmen wesentlich langsamer und weniger zu als eine Kontrollgruppe, die nur die fettreiche Nahrung erhielt. Gleichzeitig erhöhten die Mäuse ihre Ausdauerleistung um das Doppelte. Auch dies ist vermutlich auf den Regelmechanismus des Resveratrol und die Sirtuine zurückzuführen. Denn hierdurch schaltet der Organismus besondere Gene ein, die unter anderem den Fettstoffwechsel des Körpers regulieren und die Differenzierung der Muskelzellen herbeiführen. (Lagouge M. et al.: Resveratrol improves mitochondrial function and protects against metabolic disease by activating SIRT1 and PGC-1alpha; Cell 127; 2006; S. 1109-1122).

Außerdem konnten Wissenschaftler unter Laborbedingungen nachweisen, dass Resveratrol Krebszellen abtötet, indem es NF-κB (Nukleärer Faktor kappa B) hemmt. Dieses Protein kommt in allen Zellen vor, um dort an bestimmte Bereiche der Erbsubstanz (DNA) zu binden und so das Ablesen der jeweiligen Gene zu regulieren. Auf diese Weise sorgt NF-κB für das Überleben gesunder, aber auch entarteter Zellen. Werden Tumorzellen nun mit Resveratrol behandelt, so kann NF-κB nicht mehr wirksam an die DNA binden, so dass es zum programmierten Zelltod kommt (Singh U. P. et al.: Resveratrol (trans-3, 5, 4'-trihydroxystilbene) induces SIRT1 and down-regulates NF-{kappa}B activation to abrogate DSS-induced colitis; J Pharmacol Exp Ther; 2009).

Von diesen Erkenntnissen erhoffen sich die Wissenschaftler, Resveratrol in Verbindung mit bereits etablierten Therapieansätzen gegen Krebs einsetzen zu können. Da Resveratrol in seiner reinen Form allerdings ein schlecht wasserlöslicher Feststoff ist, besteht das Problem, dass es möglicherweise vom Körper nicht in ausreichender Menge aufgenommen wird, um effektiv gegen Tumorzellen zu helfen. Da außerdem, wie beschrieben, das NF-κB in allen menschlichen Zellen benötigt wird, ist es wichtig, bei der Therapie gezielt das erkrankte Gewebe anzugreifen. Mehrere Wissenschaftsgruppen forschen zurzeit an Lösungen dieser Probleme, da der Einsatz von Resveratrol in der Krebstherapie sehr vielversprechend scheint.

NF-κB ist ebenfalls ein entscheidendes Signalprotein bei der Multiplen Sklerose, wo es durch Bindung an bestimmte Gene entzündungsfördernde Prozesse im Gehirn anschaltet. Diese wiederum locken körpereigene Immunzellen an, die sich dann gegen den eigenen Organismus richten. Forscher suchen nun nach Wirkstoffen, die das NF-κB in den Gehirnzellen von Multiple Sklerose-Patienten gezielt hemmen. Resveratrol könnte hier ebenfalls ein geeignetes Medikament darstellen (Schindler K.S. et al.: SIRT1 activation confers neuroprotection in experimental optic neuritis; Invest Ophthalmol Vis Sci 48; 2007; S. 3602-3609 und Die Auswirkungen der Multiplen Sklerose mildern; Presseinformation der Georg-August-Universität Göttingen; 2006).

Da Resveratrol den Blutzuckerspiegel senkt, konnten Wissenschaftler einen positiven Effekt des Pflanzenwirkstoffs bei Ratten mit Diabetes nachweisen. Dabei scheint das Resveratrol die Sensitivität gegenüber Insulin zu erhöhen, weshalb das Phytoalexin auch bei Menschen mit Diabetes mellitus Typ II möglicherweise entscheidend zur Genesung beitragen kann (Su H. C. et al.: Resveratrol, a red wine antioxidant, possesses an insulin-like effect in streptozotocin-induced diabetic rats; Am J Physiol Endocrinol Metab; 2006; 290(6); S. E1339-E1346).

Beim grünen Star (Glaukom) werden durch einen erhöhten Augeninnendruck die Fasern des Sehnervs nach und nach abgebaut. Dabei werden vermehrt Entzündungsfaktoren gebildet, gleichzeitig wird die Zellalterung vorangetrieben. Es kommt in der Folge zu einem teilweisen Gesichtsfeldausfall, im schlimmsten Fall zur vollständigen Erblindung. Resveratrol schützt das Auge vor der Bildung dieser Proteine und damit auch vor den Entzündungsreaktionen. (siehe auch: Augenkrankheiten(Giorcelli A. et al.: Expression of the stilbene synthase (StSy) gene from grapevine in transgenic white poplar results in high accumulation of the antioxidant resveratrol glucosides; Transgenic Res 13; 2004; S. 203-214).

Aufgrund der zahlreichen positiven Effekte von Resveratrol, sind unterschiedlichste Wissenschaftlergruppen mit der weiteren Erforschung dieses Pflanzenwirkstoffs beschäftigt. Wir können also davon ausgehen, dass im Laufe der nächsten Jahre weitere Wirkungsmechanismen dieses „Wundermittels“ bekannt werden.

Seit langer Zeit sind die positiven Effekte von Rotwein auf die Gesundheit bekannt. Da dieser sehr große Mengen Resveratrol enthält, gehen Wissenschaftler davon aus, dass unter anderem dieser Pflanzenstoff hierfür verantwortlich ist. Um allerdings auch bei bereits ausgebrochenen Erkrankungen eine positive Wirkung festzustellen, müssten wir teilweise literweise Rotwein trinken. Mittlerweile gibt es allerdings mehrere in Deutschland zugelassene Nahrungsergänzungsmittel, die aus Weintraubenextrakt gewonnenes Resveratrol enthalten.

Andere Wirkstoffe (beispielsweise SRT1720), die zurzeit von Wissenschaftlern entwickelt und untersucht werden, ähneln dem Resveratrol, zeigen aber schon bei wesentlich niedrigeren Dosen die gesunden Effekte. Da die Substanz in Mäusen nur wenige Nebenwirkungen zeigt und den Blutzuckerspiegel effektiv senkt, soll es möglicherweise schon bald als Medikament gegen Diabetes Typ II eingesetzt werden (Milne J. C. et al.: Small molecule activators of SIRT1 as therapeutics for the treatment of type 2 diabetes; Nature. 2007; 450(7170); S. 712-716).

Es stellt sich jetzt die praktische Frage: Wie viel Rotwein muss ich trinken, damit ich eine ausreichend hohe Menge an Resveratrol mir einverleibe? Die Antwort ist eher enttäuschend (je nach dem, wie man es sieht): Um effiziente Konzentrationen von Resveratrol im Organismus aufzubauen, sollten es so um die 200 bis 400 Gläser Rotwein pro Tag sein (1 Glas enthält circa 0,5 Milligramm Resveratrol). Das würde einer Aufnahme von etwa 100 bis 200 Milligramm Resveratrol entsprechen. Man kann sich also leicht ausrechnen, dass die positiven Effekte des Resveratrols durch die negativen des Alkohols und anderer Inhaltsstoffe im Rotwein wieder zunichte gemacht werden. Bei solchen Mengen ist die Entwicklung eines Alkoholismus fast so gut wie garantiert.

Da stellt sich die nächste praktische Frage: Wenn Rotwein in Maßen genossen zwar gesund, aber nicht optimal von der Dosierung her ist, wo und wie bekomme ich diese optimalen Dosierungen? Antwort: Nahrungsergänzungsmittel. Und hier beginnt ein neues Problem.

Denn die Hersteller dieser Nahrungsergänzungsmittel sind daran interessiert, über ihr Produkt geschäftlich konkurrenzfähig zu bleiben und Gewinne einzufahren. Prinzipiell ist daran wenig auszusetzen, denn verschenken kann auf die Dauer niemand sein Produkt. Auf der anderen Seite besteht aber immer die Versuchung der Hersteller, teure Inhaltsstoffe zu reduzieren und durch „Füllmaterial“ zu ersetzen, um so die Einnahme-Ausgabe-Bilanz zu verbessern. Während es in Deutschland noch zu keiner Flut an Resveratrol-Präparaten gekommen zu sein scheint, ist das Geschäft in den USA in voller Blüte. Und dementsprechend viele „schwarze Schafe“ gibt es wieder einmal im Resveratrol-Geschäft. Denn Resveratrol ist nicht notwendigerweise gleich Resveratrol.
Und so kommen die Firmen mit ihren Tricks vom Legoland in Sachen Wirksamkeit und Potenz des eigenen Produktes, um die Käufer zu zahlungswilligen Opfern mutieren zu lassen. Wie das in der Praxis aussieht? Hier ein paar Beispiele:

Magisches Zahlenspiel – wer bietet mehr an Wirksubstanz in der Produktinformation beziehungsweise auf dem Etikett?

  • Produkt A - Inhaltsstoffe
    Menge des Wirkstoffs für den täglichen Bedarf
    Resveratrol Wurzelextrakt (enthält 50 Prozent trans-Resveratrol) – 200 Milligramm
  • Produkt B – Inhaltsstoffe
    Menge des Wirkstoffs für den täglichen Bedarf
    Hauseigene (oder patentierte oder ähnlich schwammige Angaben) Resveratrol-Mischung – 1000 Milligramm.

Wenn dann auch noch beide Präparate nahezu gleich viel kosten, dann wird der Kunde fast automatisch auf Produkt B zurückgreifen, bekommt er doch laut Etikett satte 1000 Milligramm Resveratrol. Leider stimmt das so nicht. Produkt A ist das Bessere von beiden.

Grund dafür ist, dass Resveratrol in zwei Konfigurationen vorkommt: trans- und cis-Resveratrol.

Die trans-Konfiguration ist die physiologische, die vom Organismus besser resorbiert wird. Die cis-Konfiguration dagegen wird fast gar nicht resorbiert, so dass hier die Substanz praktisch unverändert mit dem Stuhl ausgeschieden wird. Dementsprechend kann man für die cis-Variante keine therapeutischen oder prophylaktischen Wirkungen erwarten (Trans- but Not Cis-Resveratrol Impairs Angiotensin-II–Mediated Vascular Inflammation through Inhibition of NF-κB Activation and Peroxisome Proliferator-Activated Receptor-γ Upregulation). Daher ist es wichtig, auf der Beschreibung beziehungsweise dem Etikett nach dem Gehalt an trans-Resveratrol zu fahnden, um eine Aussage über die Güte des Produktes machen zu können.

Je mehr trans-Resveratrol enthalten ist, umso besser ist das Produkt. Bei hauseigenen Mischungen oder patentierten Aufbereitungen sind oft „Füllmaterialien“ mit enthalten, damit die 1000 Milligramm erreicht werden. Wenn dann gerade einmal 5 Prozent trans-Resveratrol mit eingebracht worden sind, dann erhält der Kunde nur 50 Milligramm Wirksubstanz. Bei Produkt A sind es immerhin 100 Milligramm (50 Prozent von 200 Milligramm). Wenn überhaupt keine Angaben zum Gehalt an trans-Resveratrol gemacht werden, sondern nur pauschale Angaben zu Resveratrol oder aber das Ganze als Resveratrol-Mischung ausgegeben wird, dann kann man davon ausgehen, dass die Menge an Wirksubstanz homöopathische Konzentrationen kaum überschreiten wird, ohne dabei homöopathisch effektiv zu sein. Die Füllsubstanzen wiederum haben keine physiologische Wirkung, sind vielleicht sogar potentiell schädlich und dienen nur der Zahlen- beziehungsweise Mengenkosmetik.

Namen und Bezeichnungen sind mitnichten Schall und Rauch

  • Produkt A - Inhaltsstoffe
    Menge des Wirkstoffs für den täglichen Bedarf
    Resveratrol Wurzelextrakt (enthält 50 Prozent trans-Resveratrol) – 200 Milligramm
  • Produkt C – Inhaltsstoffe
    Menge des Wirkstoffs für den täglichen Bedarf
    Resveratrol Wurzelextrakt (enthält 50 Prozent trans-Resveratrol) – 2000 Mikrogramm

Wenn die Mengenbezeichnungen ausgeschrieben werden, dann übersieht man schon mal leicht, dass Milligramm nicht Mikrogramm ist. Abgekürzt (mg versus µg) wirken die Mengenbezeichnungen fast noch ähnlicher. Die voran gestellten Zahlen dagegen sind so unterschiedlich, dass der kleine aber feine Unterschied in der Mengenbezeichnung unterzugehen droht. Kein Wunder also, wenn der Kunde fast reflexartig nach der Packung mit der großen Zahl greift...

Jetzt aber die Frage: Wie viel Milligramm bekomme ich denn, wenn ich mich für das 2000 Mikrogramm-Präparat entscheide? 1 Milligramm enthält 1000 Mikrogramm. Bei 2000 Mikrogramm würde ich jämmerliche 2 Milligramm erhalten (von denen wie viel trans-Resveratrol ausmacht?). In dem angegebenen Beispiel bekomme ich 50 Prozent = 1 Milligramm trans-Resveratrol. Um die Mengen von Produkt A zu erzielen, müsste ich also 100 Tabletten oder Kapseln von Produkt C einnehmen – ein teures Vergnügen.

Bei der Frage nach der täglichen Dosierung scheint der Konsens bei rund 100 Milligramm trans-Resveratrol zu liegen. Das wären, wie oben beschrieben, mehr als 200 Gläser Rotwein. Da stellt sich die Frage, ob das in den handelsüblichen Nahrungsergänzungsmitteln enthalten ist.

Laut einer Studie in den USA durch ConsumerLab.com enthalten die in den Staaten angepriesenen Produkte im Durchschnitt nur 25 Milligramm Wirksubstanz. Besonders „wirksame“ Varianten enthielten sage und schreibe 2 Milligramm pro Kapsel. Andere Hersteller verzichten auf jede Form von Fairness und etikettieren zum Beispiel 50 Milligramm und füllen nur 25 Milligramm ab. ConsumerLab zeigte, dass etwa ein Drittel aller Angebote viel weniger Resveratrol enthielten als angegeben.

In einem Extremfall waren nur 26 Prozent der angegebenen Menge abgefüllt. Bei solchen Aussichten kann ich nur sagen, dass dann das Trinken von einem oder zwei Gläsern Rotwein mir mehr bringt als die „Pantscherei“ mit solchen Nahrungsergänzungsmitteln.