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Lactobacillus casei

Informationen aus der Naturheilpraxis von René Gräber

René Gräber

Das Milchsäurebakterium L. casei kommt natürlicherweise im Verdauungstrakt von Säugetieren vor, obwohl sein Wachstumsoptimum bei nur 30 °C (und nicht bei 37 °C, also unserer Körpertemperatur) liegt. Lactobacillus casei kann sich aber sowohl bei sehr verschiedenen Temperaturen (zwischen 15 und 45 °C) als auch bei unterschiedlichsten pH-Werten der Umgebung gut vermehren, so dass es insgesamt als äußerst widerstandsfähig und robust gilt. Allerdings besiedelt das Bakterium beispielsweise Milch und Milchprodukten nur sehr langsam.

Lactobacillus casei kann Zucker in L- und D-Milchsäure umwandeln, wobei die rechtsdrehende Milchsäure (L-Form) allerdings wesentlich häufiger gebildet wird. Im Verdauungstrakt schützt das Milchsäurebakterium, unter anderem durch die Ansäuerung der Umgebung, vor verschiedenen Mikroorganismen. Hierauf beruht einer der positiven Effekte von L. casei gegenüber Krankheitserregern. L. casei begünstigt außerdem das Wachstum von L. acidophilus, das ebenfalls als sehr nützlicher Bewohner unseres Verdauungstrakts bekannt ist.

Das Milchsäurebakterium hilft darüber hinaus bei der Verdauung und Zersetzung der Nahrungsmittel. So zählt L. casei zu den Mikroorganismen, die im Darm besonders rasch Proteine in deren Bestandteile, die Aminosäuren, zerlegen, die dann wiederum gut von unserem Körper aufgenommen und verwertet werden können.

Während Lactobacillus casei im Mund und im Darm nachweisbar ist, tritt es, im Gegensatz zu vielen anderen Milchsäurebakterien, in der weiblichen Scheide normalerweise nicht auf. Kommt es allerding zu einer durch Bakterien ausgelösten Vaginalentzündung, so siedelt dort auch L. casei in geringem Umfang.

L. casei in Lebensmitteln

Lactobacillus casei spielt seit geraumer Zeit bei der Käseherstellung eine bedeutende Rolle. So gilt es beispielsweise als dominierendes Milchsäurebakterium bei der Produktion von Cheddar-Käse. Aber auch andere Hartkäsesorten reifen vor allem mithilfe von L. casei. Die Laktobazillen wandeln die in der Milch enthaltene Laktose in Milchsäure um, deren niedriger pH-Wert wiederum zu einer Gerinnung der Eiweißbestandteile führt. Da während der Verarbeitung normalerweise ausreichend Milchsäurebakterien in die zu verarbeitenden Milch gelangen, müssen die L. casei-Kulturen für die Käseproduktion nicht gezielt zugesetzt werden.

Auch bei fermentierten Sojaprodukten – etwa Sojasauce, Sojajoghurt oder der japanischen Würzpaste Miso – ist Lactobacillus casei an der Milchsäurebildung natürlicherweise beteiligt (www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/2518226).

Da L. casei viele positive Wirkungen auf unseren Organismus hat, ist es darüber hinaus als Probiotikum sehr geschätzt. Beispielsweise werden lebende Kulturen der Laktobazillen verschiedenen Milchprodukten zugesetzt. Bekannte Beispiele sind der probiotische Joghurt Drink Actimel® und das probiotische Getränk Yakult®. Letzteres enthält L. casei Shirota, das nach seinem Entdecker, einem japanischen Arzt, benannt ist und als bekanntester Kulturstamm dieser Lactobacillus-Art gilt. Das Getränk ist in Asien bereits seit 1935 geschätzt und wird in Deutschland seit 1993 sehr erfolgreich vertrieben.

Auch Nahrungsergänzungsmittel mit lebenden L. casei-Kulturen helfen dabei, die natürliche Darmflora zu unterstützen.

Lactobacillus casei kann vor Durchfall und Tumoren schützen

Das Milchsäurebakterium schützt vor bestimmten Salmonellen-Infektionen (S. enterica serovar Typhimurium, der als Erreger der Magen-Darm-Grippe bekannt ist). Auch die orale Aufnahme lebender L. casei Kulturen kann wirkungsvoll bei der Erkrankung helfen. Versuche an Mäusen haben gezeigt, dass eine kontinuierliche L. casei-Aufnahme direkt nach der Infektion die besten Erfolge auf schnelle Gesundung bringt. Dabei aktiviert das Milchsäurebakterium unter anderem das Immunsystem des Menschen. So regt es beispielsweise die Makrophagen (Fresszellen) an, vermehrt körperfremde Substanzen und Eindringlinge aufzunehmen und abzutöten. Gleichzeitig aktiviert es das Immunsystem, spezifische Antikörper auszuschütten (www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20193971).

Von vielen als Probiotika eingesetzten Mikroorgansimen wird angenommen, dass sie nicht nur direkt (durch ihre, für die  Krankheitserreger giftigen Stoffwechselprodukte) vor Infektionen schützen, sondern darüber hinaus mithilfe einer fein abgestimmten Signalkette die Zellen ihres Wirtes anregen beziehungsweise hemmen. Laboruntersuchungen an Mäusen zeigen, über welche komplizierten und vielschichtigen Regulationsmechanismen L. casei das Immunsystem der Tiere aktiviert (unter anderem ww.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16513392).
Sicherlich werden im Laufe der kommenden Jahre weitere Substanzen und Signalwege bei dieser höchst komplexen Wechselwirkung zwischen den Mikroorganismen und den Säugetieren aufgeklärt.

Außerdem ist wissenschaftlich erwiesen, dass die Milchsäurebakterien bei einer entzündlichen Erkrankung des Dickdarms (Divertikulitis) (www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16633103), aber auch bei Darmträgheit und einer damit verbunden Verstopfung helfen (www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20039451).

Die orale Aufnahme von lebenden L. casei-Kulturen scheint vor Darmkrebs zu schützen. Forscher untersuchten dazu insgesamt 398 Probanden, die nach einer Tumorentfernung aktuell frei vom kolorektalem Karzinom waren. Bei den Patienten, die Probiotika mit L. casei zu sich nahmen, zeigte sich nach zwei beziehungsweise vier Jahren eine deutlich geringe Zahl neu auftretender kolorektaler Tumoren als bei den Kontrollgruppen (www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15828052).

Ebenso konnte gezeigte werden, dass Probiotika mit bestimmten L. casei-Stämmen nicht nur die Zusammensetzung der im Dickdarm vorkommenden Mikroorganismen positiv verändern, sondern hierdurch gleichzeitig bestimmte gefährliche bakterielle Enzyme im Dickdarm vermindern. Diese Enzyme sind dafür bekannt, Vorstufen von krebsauslösenden Substanzen (Karzinogene) zu aktivieren (www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17327863).

Die durch L. casei hervorgerufene Hemmung der Enzyme kann möglicherweise der Grund für das geringere Auftreten von Tumoren nach gezielter Einnahme der Milchsäurebakterien sein.

Auch in anderen Organen scheint die Einnahme lebender Lactobacillus casei-Kulturen die Bildung von Tumoren zu verhindern. Zu diesem Ergebnis kommen zahlreiche Studien. Unter anderem kann das erneute Auftreten von Blasenkrebs durch die Probiotika gesenkt werden (www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/7744150). Es ist anzunehmen, dass dieser Schutz vor Krebs ebenfalls auf einem komplexen Zusammenspiel zwischen Lactobacillus casei und den menschlichen Zellen beruht. Dies verdeutlicht einmal mehr, wie facettenreich und feinmaschig das Miteinander von uns Menschen und unserer Darmflora sein kann.

Während für den L. casei-Stamm Shirota (Yakult®) viele positive Wirkungen belegt sind, gibt es bei dem Kulturstamm Lactobacillus casei DN-114001, der in Actimel® enthalten ist, teilweise kontroverse Aussagen. So schützt L. casei Shirota beispielsweise vor Viruserkrankungen (www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20106541) und Harnwegsinfektionen (www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11353622), begünstigt das Gleichgewicht der Darmflora und unterstützt das Immunsystem (www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18552190).

Ein Forscherteam aus Indien bestätigt Actimel® eine positive Wirkung bei an Durchfall erkrankten Kindern (www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12556949). Eine italienische Gruppe von Wissenschaftlern untersuchte hingegen, wie wirksam ein probiotischer Joghurt mit dem besagten L. casei-Kulturstamm (DN-114001) bei älteren Menschen vor einer Winterinfektion schützt und konnte keinerlei Verbesserung gegenüber der Kontrollgruppe feststellen (www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12679825).

Ein von der Produktionsfirma Danone in Auftrag gegebene Studie zeigt allerdings bei regelmäßiger Einnahme von Actimel® eine deutlich verringerte Rate der Atemwegserkrankungen (www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19747410).

Ob der in Actimel® enthaltene Lactobacillus casei-Kulturstamm nun ein wirksames Probiotikum ist, sei dahingestellt. Die deutschen Verbraucher wählten das Produkt aufgrund des nur unzureichend belegten Slogans „Actimel aktiviert Abwehrkräfte“ auf jeden Fall zur dreistesten Werbelüge des Jahres 2009.