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Saccharomyces boulardii in der Therapie

Informationen aus der Naturheilpraxis von René Gräber

René Gräber

Der einzellige Hefepilz Saccharomyces boulardii, der eng mit der Backhefe (S. cerevisiae) verwandt ist, wird vor allem als probiotisches Medikament zur Vorbeugung von Durchfällen eingesetzt. Erstmals beschrieben wurde diese Zuckerhefen-Art 1923 von dem französischen Naturforscher Henri Boulard. Denn er beobachtete, dass die Einwohner Indonesiens bei Durchfallerkrankungen an den Schalen von Litschis lutschten. Zwar vermutete der Naturforscher erst, dass ein pflanzlicher Wirkstoff aus den Litschischalen für die Genesung verantwortlich sei. Doch stellte sich schnell heraus, dass es der auf der Oberfläche haftende Hefepilz war, der die Beschwerden der Erkrankten linderte.

Saccharomyces boulardii, das sich sowohl im Dick- als auch im Dünndarm des Menschen ansiedeln kann, ist auf eine zuckerreiche Umgebung angewiesen. Die Hefepilze können gut an der Luft leben, bei Sauerstoffmangel stellen sie ihren Stoffwechsel allerdings auf die alkoholische Gärung um. Diese spielt im sauerstoffarmen Darmsystem die entscheidende Rolle. Obwohl Saccharomyces boulardii, das gut bei 37 °C wächst, im Verdauungstrakt des Menschen optimale Bedingungen vorfindet, ist es kein dauerhafter Bestandteil der Darmflora: Nur, solange sie oral (also mit der Nahrung oder über Medikamente) aufgenommen werden, sind sie auch im Kot nachweisbar. Anschließend werden die Pilze rasch aus dem Darm ausgeschieden.

Da Saccharomyces boulardii sich erwiesenermaßen hervorragend zur Behandlung verschiedenster Durchfallerkrankungen eignet, untersuchen viele Wissenschaftler die genaue Wirkungsweise des Hefepilzes. So konnte beispielsweise gezeigt werden, dass S. boulardii eine Protease herstellt, die bestimmte Toxine von Bakterien spaltet. So werden durch die Protease zum Beispiel Giftstoffe des gefürchteten Krankenhauskeims Clostridium difficile unschädlich gemacht. (1)

Pathogene Escherichia coli und Salmonella typhimurium, die häufige Auslöser von Infektionen sind, binden mithilfe ihrer Rezeptoren an die Zellen der Darmschleimhaut. Genau diese Rezeptoren der Bakterien haften allerdings auch hervorragend an die Zelloberfläche von S. boulardii, so dass die Krankheitserreger sich im Verdauungstrakt nicht mehr festhalten können. So werden sie – gemeinsam mit den Hefezellen – beim nächsten Stuhlgang ausgeschieden. (2) 

Bei Durchfällen sind die hohen Wasser- und Elektrolytverluste besonders gefährlich. Immer wieder zeigt sich, dass durch die Einnahme von S. boulardii diese Verluste minimiert werden. (3)  Auch sorgt der Pilz dafür, dass die Krankheitserreger nicht in die menschliche Darmwand eindringen können, indem er die Durchlässigkeit der Zellzwischenräume minimiert. (4) 

An Ratten konnte gezeigt werden, dass S. boulardii die Reifung und Vermehrung der Darmzellen stimuliert. Dies könnte ebenfalls einer der Gründe dafür sein, dass der Verdauungstrakt nach Durchfällen schneller regeneriert wird als ohne die Einnahme lebender Hefen. (5) 

Auch konnten Wissenschaftler nachweisen, dass S. boulardii entzündungshemmend wirkt, indem es bestimmte inflammationsfördernde Faktoren des menschlichen Immunsystems hemmt. (6) An Ratten konnte außerdem gezeigt werden, dass der Hefepilz die Ausschüttung bestimmter Antikörper anregt. (7) 

S. boulardii in Lebensmitteln und Arzneistoffen

Im Gegensatz zu dem nahen Verwandten S. cerevisiae, spielt S. boulardii in der Lebensmittelproduktion keine Rolle. Als traditionelles Arzneimittel und alternatives Medikament ist der Hefepilz hingegen sehr gefragt. Denn die probiotische Wirkung ist wissenschaftlich vielfach nachgewiesen. Arzneimittel, die lebende S. boulardii-Zellen enthalten, werden meist in Kapselform oder als Pulver auf Basis von Trockenhefe angeboten. Hierbei sind – neben dem wissenschaftlich korrekten Namen S. boulardii – auch die Bezeichnungen Saccharomyces cerevisiae var. boulardii und Saccharomyces cerevisiae Hansen CBS 5926 gebräuchlich.

Viele Probiotika helfen kaum oder gar nicht, wenn sie genau gleichzeitig mit Antibiotika zur Vorbeugung von Durchfällen eingenommen werden. Denn nicht nur Krankheitskeime, sondern auch die „guten“ Bakterien werden durch die Medikamente abgetötet. Da es sich bei S. boulardii allerdings um einen Pilz handelt, kann er auch schon während der Antibiotika-Behandlung eingesetzt werden. Antimykotika (Medikamente, die zur Behandlung von Pilzinfektionen eingesetzt werden) minimieren allerdings die Wirkung von Arzneistoffen, die Saccharomyces boulardii enthalten.

Insgesamt gilt S. boulardii als sehr sicher. Personen mit einem geschwächten Immunsystem sollten S. boulardii dennoch nur nach ausdrücklichem Rat des behandelnden Arztes einnehmen, da es bei diesen Patienten sehr selten zu gefährlichen Infektionen mit Blutvergiftungen kommen kann. (8) Dies gilt beispielsweise für Patienten, die gerade mit einer Chemotherapie behandelt werden oder an AIDS leiden. Medikamente mit dem Hefepilz sind in Deutschland und Österreich apothekenpflichtig.

Saccharomyces boulardii hilft bei unterschiedlichsten Durchfallerkrankungen

Nicht nur die Einwohner Indonesiens wissen, dass der Hefepilz sehr wirkungsvoll bei akuten Durchfällen hilft, auch Forscher konnten dies in zahlreichen Studien belegen. So kann bereits bei Säuglingen die Einnahme des Probiotikums die Dauer und Heftigkeit einer bereits aufgetretenen Diarrhö stark verringern. (9) Und auch bei Erwachsenen hilft die Gabe lebender S. boulardii-Kulturen. So zeigen verschiedene Untersuchungen, dass sich der Hefepilz bei Reise-Diarrhö, antibiotika-assoziiertem Durchfall und selbst beim Reizdarmsyndrom oder Morbus Crohn positiv auf die Gesundheit auswirkt. (10) Denn das Probiotikum wirkt entzündungshemmend, antitoxisch und antimikrobiell zugleich.

Obwohl Wissenschaftler nachweisen konnten, dass S. boulardii in sehr hohen Dosen auch bei HIV-assoziierter Diarrhö sehr gut wirkt, (11)sollten Patienten mit Immunschwäche das Medikament nur nach gründlicher Absprache mit dem behandelnden Arzt einnehmen.

(1)  www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9864230
(2)  www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10424093
(3)  www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10573387
(4)  www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12540556
(5)  www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/7816529
(6)  www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19161443
(7)  www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/2302983
(8)  www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15889360
(9)  www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15858959
(10) www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20458757
(11) www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/2048880