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Phosphatidylcholin

Informationen aus der Naturheilpraxis von René Gräber

René Gräber

Phosphatidylcholin gehört zur Klasse der Phospholipide, die als endständige Gruppe eine Cholin-Gruppe tragen. Cholin ist ein wasserlöslicher, vitaminähnlicher Nährstoff, der aus einer Ammoniumverbindung besteht. Die „andere Seite“ des Moleküls besteht aus Fettsäuren, Glycerin und Phosphorsäure, die das Molekül sowohl wasserlöslich, als auch fettlöslich machen. Damit erlaubt Phosphatidylcholin ein Emulgieren von Fetten und Wasser, was sie zu natürlichen Emulgatoren macht. Der alte Name für Phosphatidylcholin lautet Lecithin und ist in der EU als Lebensmittelzusatzstoff (E 322) für Lebensmittel, inklusive Bioprodukte, zugelassen, wobei Säuglingsnahrung ausgeschlossen ist.

Bei Phosphatidylcholin handelt es sich somit um eine natürliche Substanz, die auch industriell zumeist aus Sojabohnen hergestellt wird. Sie ist eine Hauptkomponente von biologischen Membranen. Dies bezieht sich auf alle Zellen von Pflanzen und Tieren, deren Membranen diese Substanz enthalten. Ausnahme hiervon sind die meisten Bakterien, inklusive Escherichia coli., deren Membranen die Substanz nicht aufweisen.

Der Verzehr von Eigelb und pflanzlichen und tierischen Nahrungsmitteln (bevorzugt auf organischer Basis) garantiert in der Regel eine ausreichende Versorgung mit Phosphatidylcholin, sodass eine Versorgung über Nahrungsergänzungsmittel höchstwahrscheinlich überflüssig ist. Aber auch hier bestätigen Ausnahmen die Regel.

Im Netz gibt es etliche Anbieter von Nahrungsergänzungsmitteln, die Phosphatidylcholin unter der Bezeichnung PPC als neue Super-Substanz anbieten, wobei häufig der Eindruck vermittelt wird, dass alles Leiden dieser Welt auf einem Mangel an PPC beruht. Einige Zeilen später kommt dann logischerweise der „jetzt kaufen“ Knopf, der auf die Bestellseite und zur virtuellen Kasse führt. Darum ist es vielleicht einmal mehr interessant zu erfahren, was wissenschaftliche Untersuchungen, die keine Produkte zu verkaufen haben, zu diesen Behauptungen zu sagen haben.

Wissenschaft des Phosphatidylcholins

Ein altes Produkt aus dem Bereich der Nahrungsergänzungsmittel ist das Buer-Lecithin, das unter anderem als ein vorbeugendes Mittel gegen vorzeitiges geistiges Altern empfohlen wird. Grund hierfür liefert das Argument, dass Lecithin maßgeblich an der Neubildung von Nervenfasern beteiligt ist, und Lecithin somit lebenswichtige Steuerungsvorgänge im Gehirn und Nerven positiv beeinflusst.

Im Tierversuch mit Mäusen, bei denen ein vorzeitiges Altern von Gehirn und zentralem Nervensystem bedingt durch schweren oxidativen Stress vorlag, versuchten Wissenschaftler durch die Gabe von PPC den Einfluss auf eine mögliche Verlangsamung des Alterungsprozesses zu bestimmen.

Learning behaviour and cerebral protein kinase C, antioxidant status, lipid composition in senescence-accelerated mouse: influence of a phosphatidylcholine–vitamin B12 diet

Die vorgeschädigten Mäuse zeigten im Hippocampus (die zentrale Schaltstelle für das limbische System - Verarbeitung von Emotionen und Entstehung von Triebverhalten) eine signifikant herabgesetzten enzymatische Aktivität im Vergleich zu nicht vorgeschädigten Mäusen. In großen Teilen des Gehirns beobachteten die Autoren ein höheres Maß an Lipidperoxiden. Die Gabe von PPC, zusammen mit Vitamin B 12, erhöhte die enzymatischen Aktivitäten im Hippocampus auf das Niveau von gesunden Tieren.

Daraus schlossen die Autoren, dass PPC zusammen mit Vitamin B 12 als Nahrungsergänzungsmittel einen positiven Einfluss auf den Alterungsprozess des zentralen Nervensystems hat.

Eine viel frühere Arbeit aus Japan, datierend auf das Jahr 1995, zeigte sogar einen möglichen Effekt bei Demenz:

Administration of phosphatidylcholine increases brain acetylcholine concentration and improves memory in mice with dementia.

Bei dieser Arbeit wurde Mäusen PPC aus Eiern zugeführt. Untersucht wurden Mäuse mit Demenz und gesunde Tiere. Gemessen wurden Erinnerungsvermögen und die Konzentrationen von Serum-Cholin, und die Konzentrationen von Cholin und Acetylcholin, sowie die Aktivität der Cholin-Acetyltransferase in drei Regionen des Vorderhirns (Kortex, Hippocampus und das restliche Vorderhirn).

Mäuse mit Demenz und damit verbundenem eingeschränkten Gedächtnisvermögen zeigten deutlich erniedrigte Konzentrationen an Acetylcholin. Die Autoren gaben 100 Milligramm PPC oder Wasser für die Kontrollgruppe für den Zeitraum von 45 Tagen. Die Gabe von PPC bewirkte bei diesen Mäusen eine Verbesserung der Gedächtnisleistung und erhöhte allgemein die Konzentration von Cholin in allen Bereichen des Gehirns. Die Konzentrationen von Acetylcholin wurden ebenfalls unter der Gabe von PPC auf das Niveau von gesunden Mäusen angehoben. Des Serum-Cholin, dass bei dementen Mäusen ebenfalls weit unter den Konzentrationen der gesunden Mäuse lag, normalisierte sich ebenfalls unter der PPC-Gabe. Die Autoren schlossen daraus, dass der Mangel an PPC bei dementen Mäusen nicht auf Problemen bei der Resorption der Substanz beruht.

Die Autoren schlossen aus allen diesen Beobachtungen, dass die Gabe von PPC bei Mäusen mit Demenz zu einer Erhöhung von Acetylcholin im Gehirn führt und damit verbunden zu einer Verbesserung der Gedächtnisleistung.

Diese positiven Studien und deren Ergebnisse sind Grund genug für die Annahme, dass ähnliche Effekte auch beim Menschen zum Tragen kommen können. Eine 2003 durchgeführte Metaanalyse aus dem Hause Cochrane kam jedoch zu weniger ermutigenden Ergebnissen:

Lecithin for dementia and cognitive impairment.

Insgesamt fanden die Autoren zwölf klinische Studien mit insgesamt 265 Patienten mit Alzheimer 21 Patienten mit Parkinson und 90 Patienten mit Gedächtnisproblemen. Die Autoren bemerkten, dass keine der eingeschlossenen Arbeiten deutliche klinische Effekte beziehungsweise Vorteile von PPC bei Alzheimer oder Parkinson anbieten konnte. Signifikant gute Wirkung zeigte PPC nur bei Studien, bei denen Patienten mit Gedächtnisstörungen mit der Substanz behandelt worden waren.
Die Autoren der Metaanalyse kommen somit zu dem Schluss, dass es zum damaligen Zeitpunkt keine klinischen Studien gibt, die den Einsatz von Lecithin zur Behandlung von Demenz rechtfertigen können.

Nur drei Jahre später gab es tendenziell anderslautende Ergebnisse aus einer Nachuntersuchung der berühmten Framingham Studie:

Plasma phosphatidylcholine docosahexaenoic acid content and risk of dementia and Alzheimer disease: the Framingham Heart Study.

Diese Arbeit untersuchte ob PPC, dessen Fettsäureanteil aus einer Omega-3-Fettsäure (DHA) besteht, in der Lage ist, das Risiko für die Entstehung von Demenz zu verringern. Insgesamt wurden 899 Männer und Frauen ohne Demenz in die Studie aufgenommen, deren durchschnittliches Alter bei 76 Jahren lag. Die Beobachtungszeit lag bei 9,1 Jahren

Resultate: Die PPC Konzentrationen im Blut wurden zu Beginn der Beobachtungszeit erhoben. Ein statistisches Messverfahren berechnete dann die Wahrscheinlichkeit für Demenz und Alzheimer. Die Autoren sahen 99 neue Fälle von Demenz, davon 71 Fälle von Alzheimer während der gesamten Beobachtungszeit. Die Analyse der Ergebnisse unter Einbeziehung der Plasmakonzentrationen von PPC-DHA zeigte, dass hohe Konzentrationen mit einem 47-prozentigen Rückgang des Risikos für Demenzerkrankungen verbunden war. Dieses Ergebnis war statistisch signifikant.

Positive effects of soy lecithin-derived phosphatidylserine plus phosphatidic acid on memory, cognition, daily functioning, and mood in elderly patients with Alzheimer's disease and dementia.

Diese Arbeit aus dem Jahr 2014 untersuchte eine verwandte Substanz (Phosphatidylserin) bei Patienten mit Alzheimer über den Zeitraum von drei Monaten. Es zeigte sich ein positiver Einfluss bei Gedächtnisleistung, Gemütszustand und Wahrnehmungsfähigkeit bei den betagten Teilnehmern/Patienten. Eine kurzfristige Supplementierung zeigte einen stabilisierenden Effekt bei den täglichen Funktionen, dem emotionalen Status und dem selbst eingeschätzten generellen Befinden.

Die Autoren sehen Grund zu der Annahme, dass diese Ergebnisse weitere Untersuchungen zu dieser Themenstellung rechtfertigen.

Association between Plasma Ceramides and Phosphatidylcholines and Hippocampal Brain Volume in Late Onset Alzheimer's Disease.

Diese Arbeit aus dem Jahr 2016 untersuchte sechs verschiedene Varianten von Ceramiden (eine Untergruppe der Sphingolipide, ein naher Verwandter von PPC) und drei Varianten von PPC mit unterschiedlicher Länge der Fettsäuren und Sättigungsgrad. Gemessen wurden diese Substanzen aus dem Blut von 412 Teilnehmern, davon 205 mit Alzheimer und 207 gesunden Probanden als Kontrolle.

Es zeigte sich, dass zwei Formen von PPC bei den Probanden mit Alzheimer signifikant verringert war im Vergleich zur Kontrollgruppe. Gleichzeitig beobachteten die Autoren eine Atrophie des Hippocampus. Bestimmte Formen von Ceramiden war nur bei jüngeren Alzheimer-Patienten mit einer Atrophie des Hippocampus verbunden. Bei älteren Teilnehmern mit Alzheimer zeigten der Mangel von allen drei Formen von PPC diese Atrophie.

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass erhöhte Konzentrationen von Ceramiden und erniedrigte Konzentrationen von PPC bei allen Alzheimer-Patienten zu finden war. Die Autoren kommen weiter zu dem Schluss, dass eine Dysregulation zwischen PPC- und Ceramid-Metabolismus einen Beitrag zur Ausbildung von Alzheimer zu leisten scheint.

Es gibt noch eine weitere Reihe von Arbeiten im Zusammenhang mit Lebererkrankungen und Colitis ulcerosa. Diese Arbeiten sind aber entweder Laborarbeiten oder Arbeiten, bei denen Labortiere die „Testpersonen“ waren. Weitere klinische Studien mit dieser Substanz zu verschiedenen Fragen und Indikationsstellungen scheint es kaum zu geben. Auch hier liegt wieder die Vermutung nahe, dass das Interesse an der Wirksamkeit einer natürlichen Substanz nur deshalb so gering ist, weil sie sich nicht als patentierbares Produkt gewinnbringend vermarkten lässt. Es scheint eine klinische Studie zu geben, die von der Universitätsklinik Heidelberg durchgeführt wird und die sich noch in der Phase 2 befindet. Es geht hier darum, gereinigtes und konzentriertes PPC als entzündungshemmende Substanz gegen Colitis ulcerosa einzusetzen (Lipid based therapy for ulcerative colitis-modulation of intestinal mucus membrane phospholipids as a tool to influence inflammation.). Diese Arbeit wurde 2010 veröffentlicht. Eine weitere Veröffentlichung, die die Resultate der fortführenden Phasen beschreibt, scheint es nicht zu geben.

Fazit

Phosphatidylcholin ist eine natürliche Substanz, die ein integraler Bestandteil von pflanzlichen und tierischen Zellmembranen ist. Es gibt wenig Grund zu der Annahme, dass eine Supplementierung mit entsprechenden Präparaten einem Mangel vorbeugen kann. Die Studienlage zu der Frage, ob ein erhöhter Konsum bestimmte präventive Effekte mit sich bringt, ist momentan viel zu dünn, um um dazu zuverlässige Aussagen machen zu können. Bei Alzheimer scheint es einen Mangel an PPC zu geben, der die Entstehung und Entwicklung der Erkrankung begünstigt. Es stellt sich hier die Frage, wie es zu diesem Mangel kommt, wenn eine normale tierische und pflanzliche Ernährung genügend PPC bereitzustellen in der Lage ist.

Fazit vom Fazit: Es gibt kein Grund zu der Annahme, dass PPC ein Wundermittel ist. Vielmehr ist PPC so elementar wichtig, dass die Natur dafür Sorge getragen hat, dass ein Mangel unwahrscheinlich ist. Denn neben der Nahrungsaufnahme, die wenig Grund für einen Mangel bietet, ist der Organismus selbst in der Lage, diese Substanz zu synthetisieren.