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Enzympräparate im Test

Informationen aus der Naturheilpraxis von René Gräber

René Gräber

Heute mal wieder ein Test. Keine Sorge – es ist nicht die Stiftung Warentest oder Ökotest, die sich an Enzympräparaten vergriffen hätten. Heute testet die „Deutsche Apotheker Zeitung“ höchst persönlich (deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/2013/daz-22-2013/enzympraeparate-unter-der-lupe).
Enzyme für die Therapie sind ein Segen der Natur. Sie sind höchst effektiv neben einem verschwindend geringen Spektrum an Nebenwirkungen. Wie effektiv sie sind und wo sie optimal zum Einsatz kommen können, das habe ich hier beschrieben:

Der Test der Apotheker Zeitung beginnt mit einem Lob für die Enzyme. Die Zeitung gibt unumwunden zu, dass diese proteolytischen (proteinspaltenden) Enzyme wegen ihrer entzündungshemmenden beziehungsweise -“regulierenden“ Eigenschaften sehr häufig zum Einsatz kommen. Und da es viele Kombinationspräparate gibt, die als Medikament und als Nahrungsergänzungsmittel angeboten werden, sind unsere Apotheker verwirrt und können keine objektive Auswahl mehr treffen. Daher hatte man sich entschlossen, dem Abhilfe zu schaffen.

Und los geht’s mit der Wissenschaft

Die Erörterung beginnt mit dieser Feststellung: „Häufig ist nicht erkennbar, welche Qualität die Inhaltsstoffe haben und welche Eigenschaften und Wirkungen sie in der jeweiligen Zusammensetzung und Dosierung besitzen.“ Ich dagegen würde gerne behaupten wollen, dass man nie durch den bloßen Augenschein Qualität etc. eines Präparates bestimmen kann. Wie es scheint, haben die Apotheker vergessen, dass diese Regel auch für die Präparate gilt, die von ihren Freunden, der Pharmaindustrie, hergestellt werden. Nicht umsonst gab es zig Tausende Tote durch Avandia und Vioxx alleine. Und man konnte das den Tabletten nicht ansehen. Darum finde ich es richtig merkwürdig, einen solchen Grund anzuführen, um diesen Test durchzuführen. Oder gibt es inzwischen auch zig Tausend Tote unter der Enzymtherapie?

Danach kommt eine kleine Abhandlung zur Pharmakokinetik und Pharmakodynamik der proteolytischen Enzyme. Diese Abhandlung ist sehr lesenswert, nicht nur für Leute vom Fach.

Kurze Begriffserklärung: Pharmakokinetik beschreibt das, was der Organismus mit dem Arzneistoff macht; Pharmakodynamik beschreibt, was die Substanz mit dem Organismus macht und wie sie wirkt.

Der Steckbrief zu den einzelnen Enzymen ist eine hervorragende Übersicht, die kurz und knapp das Wichtigste vermittelt. Was darauf folgt, ist sogar noch besser. Denn dann kommt eine sehr gute Erklärung, warum Enzyme einen therapeutischen Effekt haben. Das ist nicht selbstverständlich, da diese Enzyme fast alle Verdauungsenzyme sind, soweit sie tierischen Ursprungs sind. Darum ist nicht notwendigerweise verständlich, warum Verdauungsenzyme entzündungshemmend wirken können. Und auch die proteolytischen Eigenschaften der pflanzlichen Enzyme lassen auf den ersten Blick nicht den Schluss zu, dass sie entzündungshemmende Eigenschaften besitzen.

Der Test an dieser Stelle gibt eine wirklich gute Erklärung für die entzündungshemmenden Eigenschaften der Enzyme: Diese Enzyme mit proteinauflösenden Eigenschaften würden im Blut und Gewebe ein „Chaos“ anrichten, würden sie dort genauso verdauend wirken wie im Darm. Daher werden sie in ihrer Aktivität neutralisiert. Die Substanzen, die dies bewerkstelligen, sind Antiproteasen, auch Proteaseinhibitoren genannt. Diese natürlich vorkommenden Proteaseinhibitoren haben aber nichts mit den Substanzen gleichen Namens gemeinsam, die bei der anti-viralen Therapie eingesetzt werden.

Eine Bindung der Enzyme an diese Inhibitoren bewirkt die Deaktivierung der enzymatischen Eigenschaften der Verdauungsenzyme, indem ein Komplex mit neuen biologischen Eigenschaften entsteht. Und diese neue, zusätzliche Eigenschaft besteht darin, dass dieser Komplex in der Lage ist, Bindungsstellen für entzündungsfördernde Zytokine bereitzustellen. Damit haben die Enzyme keine direkte entzündungshemmende Wirkung im Organismus, sondern stellen einen „Zytokinfänger“ her, indem sie einen Komplex mit einer Antiprotease bilden. Und diese Inaktivierung der Zytokine stellt den entzündungshemmenden Effekt dar.

Nach dieser wirklich interessanten Erklärung geht es weiter mit noch interessanteren Unverständlichkeiten. Die Diskussion, dass die Enzyme ausreichend hoch vom Organismus aufgenommen werden müssen, um wirken zu können, ist ein alter Hut. Danach wird es kompliziert: „Da die eingesetzten Einzelenzyme je nach Isolierungsmethode in unterschiedlicher Qualität vorliegen können, ist nicht allein die aufgenommene Wirkstoff- bzw. Enzymmenge entscheidend, sondern die Aktivität der jeweiligen Enzyme in einem Produkt“.

Worauf man hier hinaus will ist der Verweis, dass Quantität alleine nicht ausschlaggebend für die Wirkung ist, sondern die qualitativen Eigenschaften der Enzyme beziehungsweise deren Aktivität hier eine entscheidende Rolle spielt. Ich muss hier unwillkürlich an die Homöopathie denken, die von der Schulmedizin und deren Pharmakologie wegen der mangelnden Quantität an Wirksubstanzen abgelehnt wird. Hier jedoch scheint die Quantität plötzlich kaum eine Rolle zu spielen.

Zurück zu den Enzymen. Denn jetzt haben es sich die Apotheker zur Aufgabe gemacht, die Aktivität der einzelnen Enzyme beziehungsweise der Präparate, die es auf dem Markt gibt, zu testen. Dazu nahmen sie als Substrat Casein, ein „Käseprotein“. Durch die Zugabe der Enzyme bildet sich ein „Enzym-Substrat-Komplex“, den man photometrisch auswerten kann. Je kräftiger die enzymatische Reaktion mit dem Substrat ist, desto größer fällt die Absorption von Licht aus, die von diesem Komplex ausgeht.
Danach werden die Resultate der einzelnen Messungen präsentiert. Die zeigen, dass Wobenzym Plus nach Wobe-Mucos NEM die stärkste proteolytische Wirkung hat. Wobenzym immun hat die schwächste. Kombinationspräparate aus tierischen und pflanzlichen Enzymen zeigen eine höhere enzymatische Aktivität als rein pflanzliche Varianten, besonders bei den als Medikament deklarierten Präparaten. Bei den Nahrungsergänzungsmitteln dagegen ist alles undurchsichtig und chaotisch.

Ende der Wissenschaft

Ich frage mich hier, was die Apotheker eigentlich sagen wollen. Eine wissenschaftlich durchgeführte Bestimmung von enzymatischen Aktivitäten verschiedener Enzyme ist keine neue Untersuchungsmethode. Aber die Messung der enzymatischen Kapazitäten Casein gegenüber - was soll hier bewiesen werden? Ich vermute, dass man davon ausgeht, dass die Höhe der enzymatischen Aktivitäten Aufschluss gibt oder sogar direkt korreliert ist mit dem Ausmaß an entzündungshemmenden Aktivitäten. Aber im Organismus bilden die Enzyme keine Komplexe mit Casein, weil wir keinen Käsekörper haben. Es ist überhaupt nicht bewiesen, dass die Höhe der enzymatischen Aktivität überhaupt etwas mit dem entzündungshemmenden Potential zu tun hat. Ich habe jedenfalls dafür keine Hinweise finden können. Auch ist die Komplexbildung mit der Antiprotease nicht unbedingt gleichzusetzen mit der Reaktion mit Casein. Im Gegenteil. Hier laufen gegenläufig ausgerichtete Prozesse ab: Im Organismus werden die Enzyme durch die Komplexbildung deaktiviert; in der Apotheke bei unseren Test-Apothekern wird die Aktivität in Bezug auf Casein eruiert. Die anti-entzündliche Wirkung beruht auf der Deaktivierung und Komplexbildung mit verbundener Freigabe von Bindungsstellen für Zytokine. Es ist nicht anzunehmen, dass Casein jetzt auch so ein paar Bindungsstellen hat. Und wo waren die Zytokine bei den photometrischen Messungen?

Mein Fazit

Die wissenschaftlich anmutende Messung der enzymatischen Aktivität von Enzympräparaten geht von Annahmen und Vermutungen aus, die mehr nach Erfindung und Wunschdenken aussehen als nach einer wissenschaftlich fundierten Hypothese, die es zu verifizieren gilt. Denn wenn die Enzyme gut Käseproteine zerlegen, was hat das mit den Entzündungsprozessen im Körper zu tun? Für solche Erklärungen und Brückenbildungen sind die Fachleute von der Marketingabteilung gefragt. Und da sind die Apotheker ja auch nicht weit vom Schuss. Denn Apotheker sind akademische Pillenverkäufer (andere sagen bösartigerweise: frustrierte akademische Schubladenzieher), an denen das Marketing nicht spurlos vorbeigehen darf, wenn sie mit ihrer Apotheke konkurrenzfähig bleiben wollen.